Dies ist die Geschichte eines Mannes, der so überhaupt gar nicht wollte, dass es eine Geschichte über ihn gibt! Aber wie das Leben eben so spielt, sucht sich nicht der Held die Geschichte aus, sondern die Geschichte den Helden. Und unser Held, ist am Anfang dieses Erzählwerks meilenweit davon entfernt ein Held zu werden.

Eppbichl in Kärnten – ein Ort der sogar den Arsch der Welt vor Neid erblassen lassen würde. Dieses kleine idyllische Örtchen hat nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag, was in der heutigen Zeit wirklich davon zeugt, dass sich das öffentliche Interesse an Eppbichl stark in Grenzen hält. Naja, in Wahrheit gibt es kein öffentliches Interesse.

Trotzdem hat das beschauliche Bergdorf, eigentlich alles was man so zum Leben braucht. Eine asphaltierte Straße, die hineinführt und auch wieder raus, einen Supermarkt, eine Kirche, ein Wirtshaus, das natürlich Kirchenwirt heißt, eine Volksschule und einen Friedhof, der für einen Großteil der aktuell 500 Einwohner, wohl bald der „Place to be“ sein wird. Ja, die Überalterung macht sich in Eppbichl wirklich bemerkbar. Wer jung ist und Ambitionen hat, der will dort nicht bleiben und zog deswegen in die nächstgrößere Gemeinde Rathwinkl, die 35 Kilometer am Ende der Eppbichler Passstraße liegt. Wie gesagt, wenn man jung ist und Ambitionen hat.

In Eppbichl gibt es einen Mann, dessen einzig wirklich auffallendes Merkmal es ist, der Überalterung in seinem Heimatdorf durch seine reine Anwesenheit, entgegenzuwirken. Die Rede ist von Herbert Maurer. Ambition ist für diesen Mann ein absolutes Fremdwort. Wäre der Duden ein Bilderlexikon, dann würde das Wort Durchschnitt sein Bild zieren, denn eine andere Definition für unseren Hauptakteur gibt es nicht. Herbert wohnt seit seiner Geburt in Eppbichl und hat mit wenigen Ausnahmen seinen Heimatort noch nie verlassen. Warum auch? Schließlich fehlt es ihm an Nichts. Mit 35 Jahren ist es für Herbert, den seine Freunde liebevoll Hörbie tauften, bevor sie alle irgendwann einmal wegzogen, äußerst bequem immer noch in seinem Elternhaus zu wohnen. Herberts Eltern, Franz und Gisela Maurer, freuen sich natürlich, dass ihr kleiner Junge nicht den selben Weg eingeschlagen hat, wie der Rest der jüngeren Eppbichler. Und deshalb machen sie auch alles dafür, dass sich ihr Spross zu Hause unendlich wohl fühlt. Obwohl sie früher einmal wollten, dass ihr Sohn großartige Taten vollbringt. Schließlich haben sie Hörbie nach einem der größten und erfolgreichsten Österreicher überhaupt benannt, nämlich Herbert Prohaska. Doch im Laufe der Jahre, waren die alten Maurers einfach nur froh, dass ihr Sohn ihnen nicht den Rücken kehrte.

Natürlich geht Herbert auch einem Beruf nach. Im lokalen Supermarkt hat der die Aufgabe, die Regale zu schlichten und die Waren entgegenzunehmen, die in unregelmäßigen Abständen von Rathwinkl nach Eppichl geliefert werden. Für Hörbie ist das der absolute Traumjob. Kein Stress, kein Aufwand und vor allem keine Herausforderung. Für ihn wäre es undenkbar an der Kasse zu bedienen sowie die alte Frau Kaiser. Allein schon der Gedanke daran ständig mit den alten Eppbichlern über ihren Alltag sprechen zu müssen, lässt ihn regelrecht erschaudern. Auch das Hantieren mit Bargeld, oder überhaupt diesem neumodischen Zahlen mit Karte, nein, soviel Verantwortung kann und will Herbert einfach nicht tragen. Regale einschlichten! Das ist sein Ding. Nachschub oben, qualitativ hochwertige und hochpreisige Sachen auf Augenhöhe und den billigen Ramsch eher weiter unten. Das ist seine Berufung.

Und wenn er dann jeden Tag um 16 Uhr den Heimweg antritt, dann weiß er, heute war wieder ein guter, stressfreier Tag ohne große Vorkommnisse. Erholung nach solch erfüllenden Arbeitsstunden findet Hörbie zu meist im Wald, der an das Grundstück seiner Eltern grenzt. Wer sich jetzt hoffnungsvoll fragt, was Herbert im Wald so macht, der wird jetzt bitter enttäuscht. Er macht dort nämlich absolut Nichts. Nichts, außer sich auf seinen Lieblingsbaustamm mitten auf einer Lichtung zu drapieren und einfach den Wald Wald sein zu lassen während er eine Stunde vor sich hindöst.

Auch seine Abende sind genau gleich spektakulär wie sein Arbeitsalltag. Nach dem Abendessen, welches Mutter Gisela jeden Abend zur selben Uhrzeit auf den Tisch stellt, verbarrikadiert sich Hörbie in seinem Zimmer und sieht fern. Die Flimmerkiste ist sein einziger Blick über seinen sehr beschränkten Tellerrand. Recht lange kann er allerdings, der aus seiner Sicht unendlichen, Informationsflut aber nicht folgen und schläft irgendwann einmal ein, um den nächsten Tag fast zur Gänze gleich zu gestalten.

Müsste man das Leben von Herbert „Hörbie“ Maurer zusammenfassen, könnte man sagen, er lebt wie ein Goldfisch in einem Wasserglas, nur mit weniger Highlights. Wie also, ja nur wie, wie um alles in der Welt kann jemand dessen Leben so viele Höhen und Tiefen aufweist wie das Marchfeld, zum Hauptprotagonisten dieser Geschichte werden?

Nichtsahnend stieg Hörbie eines Tages, aus seinem Bett. Er putzte sich halbherzig die Zähne, zog sich an, lies sich das Frühstück seiner Mutter schmecken und ging zur Arbeit. Es war ein regnerischer Montag und die ersten Gewitter hingen schon in den umliegenden Bergketten fest. Es sollte jener schicksalhafte Tag werden, an dem sich sein Leben für immer verändern würde.