Mecklenburg-Vorpommern

Fröstelnd rieb Hörbie sich die rissigen Hände, der Marsch bis zum Supermarkt umfasste doch immerhin gut 2 Kilometer: Vor dem Haus seiner Eltern in der Innerwinkelstraße Nummer Drei musste er sich morgens zuerst nach rechts wenden um nach etwa 200 Metern nach links in den Enzianweg abzubiegen, welcher ihn wiederum nach etwa 350 Metern über eine kleine Abkürzung vorbei am Haus der Webers auf die Eppbichler Hauptstraße führte, die schnurgerade den Hauptplatz und den Marktplatz – beide kaum größer als andernorts ein Wohnzimmer – verband. Vom Marktplatz aus konnte Hörbie, wenn er sich leicht nach rechts wandte, schon das Schaufenster und die Reklametafel des Supermarkts sehen, die ihm beide bereits aus der Ferne eine Art Heimkommen versprachen.
Heimkommen, ja das war eigentlich das Aufregendste an Hörbies Leben. Heimkommen ohne jemals wirklich fort gewesen zu sein. Nicht aus dem Elternhaus, einem eierschalenfarbigen Schmuckstück aus den späten Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts, das ja bekanntermaßen – wie übrigens auch fast alles andere in Eppbichl – noch im letzten Jahrtausend angesiedelt war. Und nicht aus dem Supermarkt, dem er seit der gnadenvollen Beendigung seiner Schulpflicht vor zwanzig Jahren täglich still und innig verbunden die Treue hielt. Kein Tag Krankenstand und auch kein Tag Urlaub waren seither nötig gewesen. Mit Ausnahme der Beerdigung von der Felfernig Pepi, die früher manchmal mit ihm gelernt hatte. Da war er zweieinviertel Stunden früher als normal von der Arbeit weggeschlurft, ganz so als wollte er heute einfach am Nachhauseweg einen kleinen Umweg über den Friedhof nehmen, wie andere eben durch den Park gingen. Wovon sollte er sich auch erholen müssen, war er doch hier im Supermarkt wie dort in der Innerwinkelstraße ganz und gar zu Hause.

Er rieb sich also fröstelnd die Hände bevor er sie wieder in seiner kamelhaarbraunen Jacke vergrub, die er bei drohendem Schlechtwetter immer trug, weil sie so praktisch war mit ihren dunkelbraunen Bündchen und dem soliden Reißverschluss. Der ließ die Jacke, wenn er sie schloss, ein wenig wie eine Rüstung erscheinen, wie ein Panzer, der ihn einerseits vor den Alten schützte und ihn andererseits ihnen gleich werden ließ in Farbton, Material und Zeitverlorenheit. Ebenso farb- zeit- und geschmacklos würde Außenstehenden der Rest seiner Gewandung anmuten: eine Cordhose – Schnürlsamt heißt das seit jeher in Eppbichl – in undefinierbarer Schlammfarbe, der allein schon wegen der abgescheuerten und speckigen Stellen an Knien und Einstecktaschen ein Hauch von Verwegenheit anhaftet. Oder war es Verwesen gewesen? Egal.
Ergänzt wird das Ensemble von einem labberig bekragten Poloshirt, das wohl einmal jagdgrün gewesen sein musste und das in Richtung Frühjahr stets die aus Flanell genähten Holzfällerhemden ablöste, die auch sein Vater -schon sein Lebtag lang- wie er öfter betonte, gern trägt.
Das aschblonde Haar, schnurgerade – „Schnittlauchlocke“ hatten sie ihn deshalb in der Schule manchmal genannt – fiel ihm strähnig über die linke Augenbraue. Sobald es die Wimpern zu berühren drohte, stutze er es mindestens vier bis fünf Mal selbst mit der Nagelschere zurecht. Den Nacken und die Ohren durfte zwei Mal im Jahr die örtliche Frisörin, die Frau Paula im Damen- und Herrensalon gleichen Namens ausputzen, oder eben faconnieren, wie sie das fachgerecht nannte. Das eine Mal Ende Mai, vor dem Geburtstag seiner Mutter. Das zweite Mal im November, sodass der Haarschnitt auch zum Weihnachtsfest und für das damit verbundene alljährliche Familienfoto etwas hergab. Dazwischen genügte die Nagelschere.

Seine Schritte wirkten schleppend, sie unterschieden sich kaum von denen der um vierzig, fünfzig Jahre älteren Männer im Dorf und es war nicht festzustellen, ob das an den ganzjährig getragenen „Böcken“ – also bergtauglichem, schwerem Schuhwerk – lag, an körperlichen Dispositionen oder doch einfach nur an dem Schlendrian, der sein gesamtes Leben, sein gesamtes Sein durchdrungen zu haben schien, wie Abwaschlauge ein schwergetränktes Wettex.
So schlurfte er also, feucht und heruntergekühlt vom gewitterverkündenden Nieselregen mit schweren Lidern und Gliedern auf seine Wirkungsstätte zu. Vorbei am alten Herrn Haberl, dessen Rauhaardackel den Rollator bremste, weil er noch langsamer war als sein Herrchen. Vorbei an der Statue der Berghelden, die ihr Leben irgendwo im Massiv des gefürchteten Eisernen Gupfs ließen, vorbei an den zweieinhalb Marktständen, von denen einer heute – vermutlich wegen Reichtums – geschlossen hatte und der halbe, der nur aus einem Klapptisch bestand, wieder einmal herrenlos auf Kundschaft wartete, die bittschön, garschön die entsprechende Anzahl an Münzen ins Schüsserl legen soll, wenn sie ein paar Kräuter, Murmelölsalbe oder schrumpelige Äpfel aus dem Korb nähme. Darum bat ein auf einen alten Pappkarton gekrakelter Schriftzug.
Vorbei ging Hörbie auch an der kleinen Trafik an der ihm die bunten Aufkleber noch nicht auffielen. Vorbei an der Bushaltestelle, an der gestern Nachmittag die Gemeindearbeiter wohl noch zwei Betontröge mit Stiefmütterchen und einem Tschippel Narzissen in der Mitte aufgestellt haben mussten. Und zuletzt vorbei am Küchenfenster der alten Frau Gellenberger, die heute dem Tonfall nach besonders echauffiert auf die Straße hinaus keifte. Man verstand allerdings inhaltlich mangels eingesetzter Zahnprothese nichts, wie das auch an allen anderen Tagen des Jahres an denen der Supermarkt geöffnet hatte, der Fall war.

Noch einmal seine Hände reibend und anschließend ausgiebig in die locker geballten Fäuste Wärme ausatmend erreichte er das Geschäft.
Und stutzte. Irgendetwas hatte sich verändert, aber sein Geist brauchte ein wenig, um dem körperlichen Hörbie nachzuhinken, brauchte etwas, sich zu sortieren und zu erkennen, dass hier über Nacht Farbe eingezogen war. Grellbunte Aufkleber verschandelten die von der alten Frau Kaiser so sorgsam mit Spiritus und Zeitungspapier blankgeputzten Fensterscheiben, auf denen bisher über den ausgebleichten gelb-grünen Wellen, die eben den Supermarkt als solchen kennzeichneten, nichts außer jeder Menge Fliegenschiss und einem Aktionsplakat der Woche etwas verloren hatte.
Aus dem Augenwinkel blickte er in den Kastenwagen – ebenfalls in grellbuntem Design, der sich zu SEINER Warenannahmerampe geparkt hatte und den er beim besten Willen keinem SEINER Lieferanten zuordnen konnte.
Irritiert aber trotzdem wie jeden Tag betrat er das Gebäude durch den Lieferanteneingang, rechts neben dem Kundenportal zwischen Annahmerampe und Mülltonnen.
Noch als er die Türschnalle hinuntergedrückt in der Hand hielt, stockte ihm der Atem und ihm war, als wäre er gerade in einen schlechten Traum geraten.
„Wo…? Was…ist…hier…los?“, hörte er sich stammeln und bemühte sich redlich, die Augen aufzureißen, um aus diesem skurrilen Traum zu erwachen. Es war doch hoffentlich ein Traum, dachte er noch kurz bevor sich hinter ihm eine männliche Stimme erhob.

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