„Herbert!“. Hörbie reagierte nicht. Auch wenn Hörbies Gedankenflüsse im Kopf auch sonst eher so schnell fließen wie warmer Asphalt, war ein Ausbleiben jeder Reaktion auch für Hörbie eher ungewöhnlich. Wieder erhallte die grummelige Männerstimme, in deren Farbklang deutlich das Mitschwingen der etwa zehn Zentimeter langen Barthaare zu vernehmen war, die das Gesicht seines Vorgesetzten belagerten wie ein Vogelnest, welches stolz auf einem Schornstein thronte.
„Herbert!“
Hörbie reagierte. Wenn auch nur langsam drang der Klang seines Namens in sein Unbewusstes, welches ihn daran erinnerte, dass höchstwahrscheinlich er gemeint war. Diese Heuristik funktionierte in Eppbichl tadellos, denn es gab tatsächlich nur einen Herbert, worauf Hörbie verdammt stolz war. Dieser Stolz brachte ihn dazu, sich aufzurichten und sich seiner überaus wichtigen Rolle im Supermarktuniversum bewusst zu werden. „Ja, bitte“ ertönte es voller Pflichtbewusstsein.
„Hast du getrunken, Herbert?“ nuschelte nun sein Vorgesetzter, der auf den Namen Anton Bauer hörte, leicht genervt. „Nein, also ja, nicht mehr als das Übliche. Mit der Mutter nach dem Abendbrot die zwei Kurzen, also vielleicht waren es auch drei an diesem Abend und die vier Dosen beim Fußball gucken. Du weißt schon, zwei vor der Halbzeit, zwei danach. Wie das so ist.“
Anton Bauer unterbrach ihn, lächelte freundlich, klopfte ihm auf die Schulter und sagte: “Das klingt ganz nach dem Jungen, den ich vor 25 Jahren kennengelernt habe.“

Anton Bauer, auch Toni genannt, traf Hörbie das erste Mal, als dieser ihn auf dem alljährlichen Dorffest auf dem Dorfplatz fragte, ob er einen Schluck von seinem Bier probieren dürfe. Toni war damals 20 und Herbert reichte ihm mit seinen zehn Jahren bis knapp unter die Brust. Toni überlegte kurz, zumindest tat er so und reichte Herbert widerwillig sein Bier. Hörbie trank und ging.
Niemand der 15 anderen Halbstarken aus dem Dorf konnte ahnen, dass Hörbie allen dieselbe Frage stellte und mit seinem treudoofen Blick zu überzeugen wusste. Doch eigentlich gab es gar nicht viel zu überzeugen, denn insgeheim fühlte sich jeder der 15 Burschen sehr geschmeichelt, dass sie auserwählt wurden, um mit dem Jungen seine erste Trinkerfahrung zu teilen. Wie der Mitarbeiter in einer großen IT-Firma, der vom Praktikanten mit den schwierigsten Fragen durchlöchert wird, weil dieser nur so vor Kompetenz strotzt. So fühlten sich also die Dorfjungs alle wie kleine Bill Gates´ und tranken in der Euphorie tapfer weiter, bis auch der letzte Cent vertrunken war. Bill Gates wäre das nicht passiert.

Niemand bemerkte derweil, dass der kleine Junge mit den geraden, langen Haaren plötzlich nicht mehr sehr gerade ging, sondern vielmehr schwankend den Dorfbrunnen aufsuchte, weil sich das gute Mittagessen der Mutter und die 15 großen Schlucke Bier nicht zu vertragen schienen und beide an die frische Luft wollten, ehe sie dann im Wasser des Dorfbrunnens versanken und erstarrten wie heiße Lava, die ins Meer fließt. Erstarrt waren auch die Gesichter der Dorffestbesucher, doch niemand wollte sich für das Schicksal des kleinen Hörbie verantwortlich fühlen. Außer einer. Anton, Anton Bauer. Es ist nicht so, dass Toni ein schlechtes Gewissen gehabt hätte, aber irgendwie tat ihm der Junge doch ein wenig leid und erinnerte ihn an sein altes Ich vor zehn Jahren, als es ihm bei seinem ersten Dorffest ähnlich ging – vielleicht auch schlechter. So päppelte Toni den kleinen Hörbie wie eine vom Traktor überfahrene Ratte wieder auf. Er schenkte ihm all seine Herzenswärme, bis der Junge wieder wusste, wo er wohnt und Toni sicher war, dass er den Weg nach Hause wieder allein finden würde. Wenn er noch irgendwas brauche, so sprach Toni, könne er sich jederzeit bei ihm melden. Diese Worte merkte sich der kleine Hörbie und ging ehrfürchtig in Schlangenlinien seinen Weg.

Herbert war schon immer wie die Ein-Meter-Markierung auf einem Zollstock: Mittelmaß. Ebenso schloss er auch die Schule ab. Da das Jobangebot in Eppbichl begrenzt und das Auswandern in umliegende Ortschaften undenkbar für Herbert waren, stand dieser mit 16 im Supermarkt vor Toni und bat um Arbeit. Dieser hatte seinen kleinen, alten Freund natürlich nicht vergessen und meinte, er könne für den Übergang gerne beim Regale schlichten helfen, bis er etwas Besseres gefunden habe.
Jetzt stand Hörbie, 19 Jahre später, weiterhin völlig perplex im Supermarkt. Geblendet von dem ungewohnten Farbenmeer aus Aufklebern, brannte er darauf zu wissen, was los sei. Toni meinte nur, dass sich wohl ein paar Jugendliche einen Scherz erlaubt und in der Nacht den halben Supermarkt mit diesen Stickern bombardiert hätten. Ein Streich eben. Nichts weiter. Bedeutungslos. Da Frau Kaiser, die sonst für die Reinigung des Supermarkts zuständig war, gestern mit den Frauen vom Dorf Kegeln war, blieb sie heute zu Hause. Aus Gründen nimmt sie sich nach dem wöchentlichen Kegelabend immer frei. Sie meinte, das sei besser so für alle Beteiligten. Daher war es heute Herberts Aufgabe, den Supermarkt von all dem Unfug zu befreien. Herbert wurde schlecht bei dem Gedanken. Fast so wie damals mit 10 auf dem Dorffest. Doch die Gründe waren subtiler. Es war nicht die Aufgabe an sich, diese lag durchaus in seinem Kompetenzbereich, sondern das ungute Gefühl, dass diese Aufkleber mehr zu bedeuten hätten als eben nur der Ausdruck jugendlichen Blödsinns zu sein.

Hörbie überkam eine böse Vorahnung. Wie das Wasser, das sich vor einer drohenden Flutwelle ins Meer zurückzog, zog sich seine Magengegend zusammen. Als würde eine Katastrophe nahen, deren Ausmaß, alle menschliche Vorstellungskraft übersteigen würde. Naja, zumindest die der Menschen aus Eppbichl. Doch da Rebellion und jede Art der Widersetzung Fremdworte in Hörbies Gedankenstrukturen darstellten, machte er sich trotz seines Unmuts an die Arbeit. Doch anders als sonst, fühlte sich Herbert beim Abschaben der Aufkleber eher wie eine Maschine. Neben sich stehend schien sein bescheidener Geist aus seinem Körper herauszutreten und ihn von außen argwöhnisch mit Argusaugen zu beobachten. Wie eine, ihm bis dato unbekannte moralische Instanz, hing dieses Gefühl schleierhaft über seinem funktionierenden Körper. Umso mehr traf es ihn wie einen Blitz, als er plötzlich eine Systematik hinter all den Farbflecken entdeckte. Einen Plan, den er, wie ein sich langsam formendes Puzzle, zu erkennen begann. Sein Körper und sein Geist fanden wieder zueinander und Hörbie verstand. Er verstand nicht nur, was um ihn herum in grausamer Stille geschah. Es schien, als würde er plötzlich zum ersten Mal das Leben selbst verstehen, seinen Sinn und seinen Zweck in dieser so idyllisch scheinenden Welt. Seine Augen wurden glasig, doch klarer als je zu vor. Er wusste, dass er jetzt handeln müsse, bevor es zu spät sei. Die Welt war in großer Gefahr.

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