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So schnell, wie es ihm nur irgend möglich war auf dem alten klapprigen Damenrad, das er sich kurzerhand vom Fahrradständer vor dem Supermarkt schnappte und ohne viel zu überlegen drauflos trat, machte er sich auf den Weg nach Hause. Tritt für Tritt ins Pedal, schien er sich plötzlich schwächer zu fühlen. Doch warum ausgerechnet jetzt? Die dunklen Wolken über Hörbie verfärbten sich in ein immer tiefer werdendes Grau und zu allem Übel begann es auch noch zu regnen. Hörbie war ganz und gar in seine Gedanken vertieft – kaum nahm er seine Umwelt wahr. Zumindest bis jetzt. Tropfen für Tropfen, der vom Himmel fiel, platschte gegen Herberts Stirn. Obwohl die zwei Kilometer nach Hause nicht weit waren und auch für den eher unsportlichen Hörbie keine große Herausforderung darstellen sollten, war es kein leichtes Unterfangen für ihn. Sein mittlerweile hochroter Kopf und die halb schon auf dem Lenkrad, halb noch am Sitz hängenden Gliedmaßen glichen mehr einem Kartoffelsack als einem Menschen. Hörbies Schnaufen übertönte schon bald das Geräusch des nun strömenden Regens, der ihm rasiermesserscharf gegen das aufgeheizte Gesicht peitschte.

Abgelenkt von seinen Gedankengängen, bemerkte Hörbie seinen äußeren Gefühlszustand jedoch kaum. Vielmehr beschäftigte ihn, was er gerade im Supermarkt entdeckt hatte. Was um Himmels Willen konnte das gewesen sein? Sollte er denn wirklich richtig liegen? Ihm graute vor dem Gedanken, vor den möglichen Konsequenzen, deren Eintritt er sich bei Gott nicht ausmalen wollte. Erst musste er sich Klarheit verschaffen. Nur noch ein paar hundert Meter, dann war er da. Ein letztes Mal mobilisierte er all seine Kräfte und versuchte die Geschwindigkeit selbst beim um die Ecke biegen beizubehalten, um einfach nur schnell nach Hause zu gelangen. Was ein Fehler war. Denn hinter dieser kam ihm ein Traktor entgegen, dessen Fahrer es ebenso eilig zu haben schien wie er. Lautes Hupen schallte durch die Luft. Im Affekt kniff Herbert die Augen fest zusammen. Gerade noch so konnte er seinen Lenker auf die andere Seite ziehen, sodass er einen Zusammenstoß verhinderte. Hörbie war außer sich. So leichtfertig hatte man ihn noch nie erlebt. Eben, als er sich wieder in Sicherheit wägte, donnerte es gewaltig über ihm. Der Himmel spannte ein blaues Netz aus elektromagnetischen Strahlen unter sich und schien einen ebendieser hin zur Erde zu bilden. Herbert konnte seinen Augen kaum trauen. Plötzlich spürte er ihn inmitten seiner Knochen. Nur eine Millisekunde lang. Ein fürchterlicher Schauder durchfuhr seinen Körper. In diesem Augenblick wusste Hörbie nicht, wie ihm geschieht. Er blieb aber trotzdem nicht stehen. Gleich war er da. Nur mehr ein kleines Stückchen war es gewesen. Es regnete noch immer wie wild. Die letzten paar Meter vor der Ankunft stieg er ab, schmiss das Rad von sich und lief in die Einfahrt des Hauses. Pitschnass vom Regen, verlangsamten sich seine Schritte. Hörbie wurde schwindelig. Irgendetwas war seltsam. Als er vor der Türschwelle stand, die Klinke zum Greifen nahe, wurde ihm schwarz vor Augen. Die von der Fahrt ohnehin schon geschwächten Beine taten ihr Übriges: nichts. Herbert kippte nach links weg und fiel auf den harten Betonboden.

Erst ein paar Minuten oder Stunden später – er hatte jegliches Zeitgefühl verloren – wachte Herbert in seinem Bett auf. Etwas desorientiert blinzelte er. Grelles Licht, das durch die Jalousien von draußen herein strahlte und das Zimmer regelrecht durchflutete, blendete ihn. Das Unwetter war wohl vorübergezogen und Sonnenstrahlen breiteten sich am Horizont aus, obwohl es bereits Abend sein musste. „Wie fühlen Sie sich?“, hörte er nun eine junge Frauenstimme, die ihm nicht bekannt war, besorgt fragen. Recht unscharf erkannte er eine Silhouette, die, allem Anschein nach, in Rot gekleidet, an seiner Bettkannte saß. Herbert griff zum Nachtkästchen, um seine schwarze Hornbrille aufzusetzen, für die er in der Volksschule doch so gehänselt worden war und heute – würde er in urbaneren Gefilden leben – nichts als Anerkennung einheimsen könnte. Große braune Augen starrten ihn fragend an. Hörbie verzog keine Miene. Nicht einmal ein Blinzeln. Etwas irritiert kontrollierte die Frau seinen Puls und berührte ihn somit am Handgelenk. Hörbies Herz setzte einen kurzen Moment aus. Etwas verlegen und leicht stotternd versicherte er ihr, dass es ihm gut gehe.
Schnelle Schritte näherten sich jetzt dem Zimmer. Im Kärntner Dialekt und unangenehm hoher Stimme hörte man jemanden vom Flur aus reden und immer näher kommen. Hörbies Mutter erschien im Zimmer und erkundigte sich, wie es ihrem armen Sohn doch gehen mochte. Sie näherte sich ihm, schubste die Sanitäterin kurzerhand ungeniert von der Bettkante und sorgte sogleich für ihren Liebling. Mit Kräutertee und obligatorischem Zirbenschnapserl, einem kühlen Waschlappen für die Stirn, Bio-Schokolade und dem Nonplusultra einer liebenden Mutter vom Lande: ESSIGPATSCHERL. Ja, die Kärntner waren ein wahrlich verrücktes Völkchen. Trotzdem oder gerade deshalb nicht weniger liebenswert. Zwar war Herberts Unwohlsein höchstwahrscheinlich nicht auf einen Schnupfen zurückzuführen, aber da die gute Gisela ohnehin einen Sturschädel besaß, der innerhalb der Familie Maurer wohl jede Frau, die einen Sohn gebar, irgendwann ereilte, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich das kaltnasse Teil mit guter Miene und ohne Gemurre um die strammen Wadeln klatschen zu lassen. Denn besonders an einem Mittwoch oder an Tagen, die mit „g“ enden, war seine Mutter alles andere als einfach. Gar nicht zu sprechen von seinem Vater, der seit einer durchzechten Nacht vor – was für ein Zufall – 13 Jahren auf den Tag genau, völlig anders zu sein und einen nahezu kompletten Charakterwandel vollzogen zu haben schien. Irgendetwas Seltsames musste ihm damals widerfahren sein. Warum hatte er in dieser besagten Nacht nur ständig von einem Fuchs gesprochen? Aber sei´s drum. Etwas Gutes hatte das Ganze ja. Zumindest konnten ihm seine Kärntner Kasnudl, mit Topfen und Erdäpfeln gefüllte Teigwaren und Leibspeise eines jeden echten Kärntners und jeder Kärntnerin, heute sicher sein. Schließlich machte sich seine Mutter Gisela die Mühe nur zu seltenen Anlässen.

Resi, die überaus nette Sanitäterin, und ihr Kollege verabschiedeten sich und baten Herbert, sie unbedingt anzurufen, falls es ihm gesundheitlich nicht bald besser gehe. Nur zu gerne hätte Hörbie auf das Angebot zurückkommen wollen, nicht wissend, dass Resi ohnehin noch eine tragende Rolle für ihn spielen sollte. Nickend und noch immer etwas blass, hob er seinen Daumen und bemühte sich, sanft zu lächeln, um nur ja kein Misstrauen herzvorzurufen und endlich alle aus seinem Kinderzimmer – ja, das war es mit den vielen über die Jahre angesammelten Stofftieren und Comics noch immer – zu vertreiben. Denn jetzt musste sich Hörbie Wichtigerem widmen. So eilte er, noch etwas angeknackst von dem vorherigen Sturz, aus dem Bett. Ziemlich unbeholfen auf den Beinen, taumelte er zum Spiegel im Badezimmer, das seinem gegenüber lag. Als er hineinblickte, traf ihn fast wieder der Schlag. Ein großer Cut, der wohl vom Aufprall auf den Betonboden im Hof stammen musste, zierte seine Schläfe. Leichte Kopfschmerzen waren die logische Folge. Vorsichtig tippte er auf die Wunde, um zu fühlen, ob sie ihm Schmerzen bereitete. Natürlich. Sie tat höllisch weh. Seltsam. Schimmerte diese wirklich bläulich oder war Hörbie durch den Sturz einfach nur etwas benommen? „Geh, leck Fett´n...“, stammelte er leise, während er sich noch kurz ungläubig im Badezimmerspiegel betrachtete. Das zweiwöchige Jugend-Praktikum in der Steiermark hatte wohl auch dialektisch Spuren hinterlassen.

Was hat es mit der Metallkiste auf sich? Copyright: SalityEgal, das war jetzt nicht von Bedeutung. Noch immer war ihm, nicht aber wegen physischer Begebenheiten, unwohl zumute. Schnell sprang Herbert zurück ins Schlafzimmer, streifte sich seine auf dem Sessel fürsorglich drappierte hellgraue Jogginghose und ein frisches T-Shirt über, kramte eine mittelgroße Metallkiste unter seinem Bett hervor und öffnete sie. Nie dachte er, dass es soweit kommen würde. Aber harte Situationen erforderten nun mal bekanntlich auch harte Maßnahmen. Hörbie schnappte sich erneut seine Jacke, stürmte samt Kiste aus dem Haus und antwortete seiner Mutter, hin auf die Frage, ob er wohl pünktlich zum Abendessen wieder da sein würde, mit einem zwar simplen aber entschiedenen: „Jå“. Gerade konnte ihn jetzt aber nichts mehr so schnell von seinem Plan abhalten. Der Pleampl, für den ihn früher viele, besonders zu Dorfzeltfest-Zeiten, gehalten hatten, war er wirklich nicht mehr. Fest entschlossen, der ganzen Sache nun endlich auf den Grund zu gehen, machte er sich auf den Weg in den Wald.