Im Wald fühlt sich Hörbie wohl. Schon als kleines Kind als ihn Gisela geschimpft hatte, war er immer in den Wald gelaufen. Genau auf jenen Platz, wo die kleine Lichtung war. Moosbehangene alte Baumstämme erinnern an die stolzen Fichten. Die hatte der Honsnbauer letztes Jahr gefällt. So leid war Hörbie um die schönen Bäume gewesen.
Gerade auf dieser kleinen Lichtung hatten sie früher immer mit den älteren Kindern von Eppbichl gespielt. Was wohl aus denen geworden ist? Hier hatten sie noch die unbeschwerte Zeit. Der kleine Hörbie mit der Hornbrille musste immer für die Älteren Tunnel graben. Die Größeren seilten sich mit dem Klettergeschirr von den Fichten ab. Einmal war der Schurl runtergefallen und hatte sich das Bein gebrochen. Ach der Schurl, der wollte nach der Schule immer nach Klagenfurt, um Taxifahrer zu werden. Der hatte Ziele. Hörbie und er waren immer sehr verschieden, aber der Schurl ist nach dem bestandenen Führerschein wirklich weggezogen. Das käme für Hörbie nie in Frage. Alles in Eppbichl aufgeben, alleine in Klagenfurt leben. Nein, das wollte er nie. Immer wieder erinnert er sich gerne an die unbeschwerte Zeit in der sie noch Kinder waren. Hörbie lauscht den Geräuschen des Waldes, eingetaucht in seinen Tagtraum. Eigentlich hatte er doch Glück, er wohnt hier richtig im Paradies. Ein Buntspecht hämmert wie wild auf einen ausgehöhlten Baum. Hörbie muss lachen, der Vogel begreift einfach nicht, dass dieser Baum keine Nahrung mehr für ihn spendet. Irgendwie vergeht die Zeit von alleine, Hörbie ist eins mit dem Wald und könnte sich keinen besseren Ort zum Leben vorstellen, als sein heißgeliebtes Eppbichl.

Auf einmal durchdringt eine schrille Stimme Hörbies Traum. „Herbert, ja wo bist du denn? Mein Herbert“ – es ist Mutter Gisela, die ihren Sohn sucht. Hörbie reagiert nicht, er ist noch wie in Trance mit dem Wald. Es geht ihm gut. „Herbert, willst du denn nicht Essen kommen? Herbert es ist schon fünf nach sechs. Du weißt doch, dass es um sechs Abendbrot gibt. Ja mei, mein Herbert, wo hast du dich denn versteckt? Ich hab dir frische Käsnudeln gekrendelt und einen Reindling gebacken.“ Hörbie erwacht und es wird Zeit zu gehen. Franz wird immer so granting, wenn er nicht rechtzeitig zum Essen kommt. Dann verspätet er sich mit seinem Feierabendbier und die zwei Kurzen gibt es dann auch nicht rechtzeitig zu "Kärnten Heute".
Zu Hause angekommen sitzt die ganze Familie am Tisch. Gisela bringt ihren zwei Männern die kredenzten Kärntner Nudeln zum Tisch. Vater und Sohn grinsen sich an und freuen sich, auf die schmackhafte Hausmannskost. Was würden sie nur ohne Gisela machen. Eventuell verhungern oder doch ab und an was von der Frischfleischtheke im Supermarkt mitnehmen. Hörbie will gar nicht darüber nachdenken, seine Mutter bedeutet ihm alles. Sie hat ihm das Leben geschenkt, für ihn ist es schwer vorstellbar eine andere Frau so zu lieben wie seine Mutter. Für ihr Alter schaut sie auch noch recht schick aus, gerade am Sonntag, wenn sie sich für die Kirche immer ihre Haare hochsteckt und den Pelzmantel und die Perlen trägt. Hörbies große Liebe gehört seiner Mutter. Die Familie speist zu Ende, und immer noch etwas angeschlagen von dem Nachmittag beschließt Hörbie früh schlafen zu gehen. Zum Einschlafen gönnt er sich noch einen Kräutertee mit frischem Kirschrum in der Hoffnung schnell einzuschlafen und sanft zu träumen.

Schnell eingeschlafen drehen sich Hörbies Gedanken im Kreis. Die hübsche Sanitäterin, Resi hat sie geheißen. Er hat die ganze Situation gar nicht richtig wahrgenommen. So lieb hat sie sich um ihn gekümmert. Ihre weichen Hände haben seinen Blutdruck gemessen und immer wieder hat sie gelächelt. Herbert wird ganz warm ums Herz. War sie schon öfter bei ihm im Supermarkt? Aber an so eine freundliche Kundin hätte er sich doch erinnert. Sein Herz pocht wie wild, dauernd hat er die hübsche Sanitäterin mit ihren zwei dicken, langen, braunen Zöpfen in seinem Kopf. Warum hatte ihn seine Mutter alleine mit ihr im Zimmer gelassen? Warum hat die Sanitäterin seine Hand gehalten? Diese Gefühle kann Hörbie nicht verstehen. Ihm ist ganz warm, aber gleichzeitig hat er Gänsehaut. Er würde sie gerne anrufen, aber ist das jetzt ein Notfall? Gewisse Symptome könnten ja noch von der Kopfverletzung und dem Sturz auf den Beton stammen. Ist er überhaupt fähig morgen in den Supermarkt zur Arbeit zu gehen. Die Gedanken fahren mit ihm Karussell.
Am nächsten Morgen um Punkt sechs Uhr kommt Gisela in das Zimmer und weckt Hörbie auf. „Mein kleiner Junge, wie geht es dir denn? Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, so einen Schrecken hast du mir eingejagt.“ Verschlafen schaut Hörbie aus der Wäsche und sucht seine Hornbrille, wo hat er denn die schon wieder hingelegt. Die halbe Nacht war er hin- und hergerissen im Traum und die Gedanken waren nur bei der Resi. Ob die auch so gute Kärntner Nudeln kochen kann, wie seine Mama? Kann sie überhaupt noch Krendln und einen Reindling backen? Die jungen Frauen heutzutage kochen ja oft nicht mehr richtig. Immer wieder sieht Hörbie im Supermarkt, wie sie irgendwelche Fertiggerichte für ihre hart arbeitenden Männer kaufen.
Die Mutter stellt den Kaffee neben dem Bett ab und setzt sich auf die Bettkante. „Herbert, willst du heute überhaupt arbeiten gehen, nach dem ganzen Tumult von gestern?“ Hörbie reibt sich die Augen, richtig munter ist er auch noch nicht und seine Mutter redet schon wieder wie ein Wasserfall auf ihn ein. „Mama, bitte geh raus, ich brauche noch ein paar Minuten zum Aufwachen. Kannst du mir die bitte lassen?“
Verdutzt schaut Gisela ihren Sohn an. Was ist denn in ihn gefahren? Widerworte so früh am Morgen, das ist sie gar nicht gewohnt. Normal ist Hörbie doch ganz ein lieber. Ein wenig eingeschnappt verlässt sie das Zimmer, aber diese üble Laune wird wohl noch von dem Sturz vom Vortag sein. Hörbie richtet sich derweilen für die Arbeit her, Krankenstand das muss nicht sein. Er ist zwar noch etwas benommen, aber die Cordhose und sein Holzfällerhemd hat Gisela schon aufgebügelt. Er will ja doch täglich modisch im Supermarkt erscheinen. Zu Hause bleiben kommt also gar nicht in den Sinn. Keinen Tag hat er versäumt in so vielen Jahren. Der Einbruch von gestern, war ein kurzer Tiefschlag, aber der heutige Tag wird wieder besser. Außerdem kommt heute die frische Lieferung, da kann er den Toni doch nicht enttäuschen.

Hörbie macht sich also wie jeden Tag sonst auch auf seinen Weg in den Supermarkt. Freudig beginnt er den Tag, auf dem Weg zur Arbeit pfeift er ein Lied. Irgendwie fehlen ihm die kleinen Schulkinder die am Morgen immer vorbeigehen an der Auslage und ihre Grimassen ziehen. Es ist so richtig totenstill auf der Straße. Es gehen nicht mehr allzu viele Leute in den Supermarkt, aber er ist hier und leistet pflichtbewusst seinen Dienst. Auf einmal geht die Tür auf, eine Kundschaft betritt den Laden. Es ist die Köchin vom Pfarrer. Hörbie schmunzelt innerlich. Dem Pfarrer wird doch nicht schon wieder der Messwein ausgegangen sein? Waren etwa seine Kinder wieder zu Besuch? Die Grete, die Tochter vom Pfarrer musste im Nachbarort in die Schule gehen. Zu peinlich war es ihrer Mutter, dass sie eine Affäre mit dem Dorfpfarrer hatte. Überhaupt sind sie dann auch schnell weggezogen. Aber jetzt, besucht sie ihren Vater wieder regelmäßig. Das war damals das Gesprächsthema in Eppbichl. Mittlerweile haben sich aber die Dorfbewohner daran gewöhnt und grüßen auch schon die Grete. Sie kann ja nichts dafür, dass ihre Mutter eine sündige, lasterhafte Frau war, die sogar den Pfarrer verführt hat. „Was kann ich denn für Sie tun? Wollen Sie dem Pfarrer einen guten Schweinsbraten kochen?“ fragt Hörbie, freundlich wie immer. Plötzlich öffnet sich die Tür des Supermarktes.

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