Immer wenn sich die Eingangstüre des Supermarktes öffnet erklingt eine digitale Glocke, die einen neuen Kunden ankündigt. Das ist praktisch, denn so weiß Hörbie dass jemand ins Geschäft gekommen ist, auch wenn er gerade den Eingang nicht in seinem direkten Blickfeld hat. Weniger praktisch ist, dass man diese digitale Glocke mit verschiedenen Melodien programmieren kann und dass es sogar die Möglichkeit gibt, eigene Lieder per USB-Stick auf das Gerät zu laden. Eine Funktion, von der sein Chef Toni gleich am ersten Tag nach der Installation Gebrauch gemacht hat, indem er sein Lieblingslied auf dem Gerät speicherte. Seither wird jeder neue Kunde mit „Hulapalu“ von Andreas Gabalier angekündigt, und zwar in der vollen Titellänge von drei Minuten und 42 Sekunden. Die Bauarbeiter, die sich in der Mittagspause oft nur ein Bier holen, sind meistens gar nicht so lange im Geschäft wie Andreas Gabalier dieses Lied sing, dass in den persönlichen Charts von Hörbie auf dem letzten Platz rangiert.
Als er jetzt zur Türe blickt wird ihm bewusst, dass Hulapalu absolut nicht zu der Person passt, die gerade den Supermarkt betritt. Hörbie ertappt sich dabei, wie er in Bruchteilen einer Sekunde im Kopf ein Einmarschlied sucht, welches zu der sich ihm bietenden Situation besser passen würde. Er schwankt zwischen einem Lied von 187 Straßenbande und Knocking on Heavens Door und hofft, dass es am Ende nicht doch eher „Time to say goodbye“ wird. Währenddessen ist auch klar, dass die Küche vom Pfarrer heute kalt bleiben wird, denn die Köchin, die gerade noch neben ihm stand, hat bereits das Weite gesucht.

Im Eingang des Supermarktes steht ein Mann, der den Türrahmen fast komplett ausfüllt. Er trägt einen langen, grauen Bart, einen Trachtenhut, Gummistiefel sowie einen langen Mantel. Bis auf den Bart und die Gummistiefel ist alles mit Stickern voll geklebt, und Hörbie erkennt sofort, dass es sich um die gleichen Aufkleber handelt die vor wenigen Stunden noch den ganzen Supermarkt geziert haben. Einzelne Regentropfen perlen vom beklebten Mantel des Mannes ab, als wäre es hochwertige Mode von Gore-Tex, designed von einem kokainsüchtigen Modeschöpfer.

Cute funny fox on dark background

Über seiner Schulter hängt ein Jagdgewehr, was den Mann eindeutig als Jäger identifiziert, auch wenn Hörbie nicht weiß, in welchem Jagdgebiet bunt beklebte Kleidung als Tarnung dienen könnte. Und als wäre das alles noch nicht skurril genug, erblickt Hörbie die Leine, die der Mann in seiner rechten Hand hält. Das andere Ende der Leine ist mit einem Halsband verbunden, welches wiederum um den Hals eines Fuchses hängt. An der Eingangstür des Supermarktes ist ein Schild angebracht, welches einen durchgestrichenen Hundekopf zeigt und auf dem der typische Satz „Wir müssen draußen bleiben“ steht. Hörbie ist sich sicher: Wäre dort auch der Kopf eines Fuchses zu sehen, der bunte Jägersmann hätte sich trotzdem über diese Regel hinweggesetzt. So verrückt die Situation auch ist, so beängstigend ist sich auch. Aber Hörbie kann all die kleinen Puzzleteile, die in den letzten Stunden entstanden waren, zu einem großen Bild zusammen setzten.

Heute vor genau 13 Jahren machte sein Vater die Verwandlung durch und erzählte dabei immer wieder von einem Fuchs, was damals genau so wenig Sinn ergab, wie vieles andere, dass sein Vater sagte. Hörbie kann sich noch erinnern, als er damals am Bett seines Papas saß und dieser immer und immer wieder erklärte, er solle sich vor dem bunten Jägersmann in Acht nehmen. Er kann sich noch genau an Papas Worte erinnern, die er damals in Reimform verpackte:

„Sei tapfer und sei stark,
gegen den bunten Meister der Jagd.
Er will der ganzen Welt die Farbe entziehen,
zu Beginn wird es in Eppbichl geschehen.
Erreicht er sein Ziel ist die ganze Welt grau,
Bis auf er und der Fuchs, die dumme Sau.
Reimen ist zwar nicht meine Stärke,
doch nimm die Sachen aus deinem Metallkoffer und bekämpfe ihn mit aller Härte!“

Hörbie wird schlagartig klar, dass sein Vater recht hatte. Reimen war nicht seine Stärke. Doch er weiß auch, dass jetzt nicht die Zeit ist für die Analyse eines Gedichts. Damals vermutete er, wie auch seine Mutter, dass dieses anscheinend sinnlose Gerede von Papas Vollrausch kam und das es sich beim bunten Meister der Jagd einfach nur um eine große Flasche Jägermeister handelte. Doch nun war klar: Es war eine Botschaft für die Zukunft! Und Hörbie muss handeln. Er muss den Jäger zur Strecke bringen, ein für alle mal! Er muss beenden, was sein Vater damals begonnen hatte. Sein Papa hat der Welt zusätzliche Zeit verschafft, und er, Herbert „Hörbie“ Maurer, hat nun die Aufgabe Eppbichl und den unbedeutenden Rest der Erde von dem Meister der Jagd zu befreien. Was wäre Eppbichl ohne Farbe? Es wäre nicht besser als Klagenfurt, und so weit durfte es nicht kommen!
In den vergangenen Stunden hatte Hörbie die Zeichen noch nicht erkannt. Unterbewusst schnappte er sich zwar seinen Koffer, doch er war noch nicht fokussiert genug um die Gefahr klar vor seinen Augen zu erkennen. Doch jetzt realisiert er, dass die Welt einen Helden braucht, und er weiß auch, dass dieser Held den Namen Hörbie tragen wird!


Mit breiter Brust stellt er sich dem Jägersmann und dessen Fuchs entgegen. Bereit, in den Kampf zu ziehen, um die Welt zu retten. Der Jäger tritt einen Schritt auf Hörbie zu, während sein Fuchs an der Leine die Zähne fletscht und seinen süßen, buschigen Schwanz aufstellt. Im Kopf stellt sich Hörbie bereits vor, wie nach seinem grandiosen Triumph der Schwanz des Tieres als Anhänger an seinem Schlüsselbund baumeln wird. Doch mit dem ersten Satz des bunten Jägers fährt Hörbie der Schreck in die Knochen. Er rechnete damit, dass ihn eine feste, dunkle Stimme ansprechen wird, doch das genaue Gegenteil ist der Fall. Ein heller, piepsiger Klang der durchaus aus einer Walt Disney Produktion stammen könnte, dringt in Hörbies Ohr: "Bist du Herbert "Hörbie" Maurer?"
Er beantwortet die Frage nicht. Er wird gar keine Fragen beantwortet, nur handeln. Hörbie ballt seine beiden Hände zu Fäusten und spürt, wie seine Haut immer heißer wird, was zum einen an der Wut liegt, die in ihm aufkocht, zum anderen vielleicht daran, dass er gerade zu nahe an der Auslage des heißen Leberkäses steht. Hörbie stand noch nie in seinem Leben so aufrecht und entschlossen da und nie fühlte er sich so männlich wie in diesem Moment. Doch er ist sich auch bewusst, dass er es mit einer Macht zu tun hat, die nicht von dieser Welt zu sein scheint. Und Hörbie vergisst natürlich auch nicht, dass er immer noch an seinem Arbeitsplatz ist, ein Ort, an dem Regeln und Gesetzte herrschen die ihm sein Boss Toni von Anfang an eingetrichtert hat. Ihm wird bewusst, dass dies nicht der richtige Ort für eine Auseinandersetzung ist. Also nimmt er seine Hornbrille ab, wirft dem Fremden einen abwertenden Blick zu und sagt mit tiefer Stimme: "Guten Morgen. Was kann ich für Sie tun?"

Der Feind verzieht keine Mine. Im Gegensatz zu Hörbie hält er den Supermarkt für einen perfekten Ort, um sein wahrscheinlich letztes Hindernis aus dem Weg zu räumen. Immerhin war es Hörbie, der die Aufkleber abgekratzt hat und somit seinen Plan der ewigen Farblosigkeit durchkreuzte. Erst wenn Eppbichl voll mit Stickern ist, wird aus dem kleinen Ort ein graues, trauriges Kaff, so wie es die Nicht-Eppbichler schon seit gefühlt 100 Jahren sehen. Mit schnellem Schritt kommt der Jägersmann auf Hörbie zu, so schnell, dass sogar sein Fuchs überrascht ist und für ein paar Meter an der Leine mitgeschleift wird, als wäre er ein gehbehinderter Chiwawa. Schneller ist nur die Ohrfeige, die er Hörbie verpasst. Die Handfläche des Mannes schlägt in Hörbies Gesicht ein, dass die Watschen, die er damals von seiner Mutter bekam als er im zarten Alter von 14 Jahren versuchte ihre Hortensien zu rauchen, nachträglich betrachtet ein Witz sind.
Hörbie kann nicht ausweichen und fällt umgehend nach dem Einschlag zu Boden. Die Schmerzen pochen an seiner Schläfe und durch seine geöffneten Augen nimmt er sein Umfeld nur verschwommen wahr. Er fühlt sich wie in seinem Lieblingscomic Tom & Jerry, wenn die Katze Tom mal wieder von der klugen Maus Jerry mit einem übergroßen Hammer auf dem Kopf geschlagen wird. Das Gesicht, dass sich über ihn beugt, kann er nicht erkennen, aber er weiß dass es sich um seinen Kontrahenten handelt, denn die langen, grauen Barthaare des Jägers, die leicht nach Kebab riechen, kitzeln ihn an der Nase. Wenig später spürt er, wie der Mann ihm einen Aufkleber auf die Stirn klebt. Hörbie würde sich gerne wehren, doch im fehlt die Kraft und Orientierung. Nur sein Gehör funktioniert noch richtig und er versteht jedes Wort des Mannes, der ihm gerade droht: "Geh mir aus dem Weg und ich lass dich am Leben. Eines kann ich dir garantieren: Farblos ist immer noch besser als tot".

Hörbie hört noch die Schritte des Mannes und wie er die Türe öffnet. Wie viele Kunden zieht er die Türe auf, anstatt wie angeschrieben zu drücken, was wieder die Stimme von Andreas Gabalier erklingen lässt und Hörbie mit noch größeren Schmerzen in einen tiefen Schlaf schickt.
Einige Zeit später kommt er wieder zu sich. Der Laden ist immer noch leer, was darauf hindeutet, dass er nicht lange weg gewesen sein kann. Er steht auf und blickt in den Spiegel über dem Waschbecken der Frischfleischabteilung. Er zieht den Aufkleber von seiner Stirn und betrachtet ihn in seiner Hand. Ein knallgelber Sticker auf dem einer dieser dummen Lebensweisheiten gedruckt ist. Er liest laut: „Es gibt Schafe und es gibt Wölfe… und du bist ein Fisch!“. Hörbie weiß, dass er kein Fisch ist. Und das wird er diesem Monster und der ganzen Welt beweisen! Fest entschlossen marschiert er in den Mitarbeiterraum, öffnet seinen Schrank und zieht den Metallkoffer heraus, der vorher unter seinem Bett lag und den er zur Sicherheit mit in die Arbeit genommen hat. Er lobt sich in Gedanken selbst für diese Entscheidung, lässt die Verschlüsse aufschnappen und prüft die Mittel, die er zur Bekämpfung der Farblosigkeit zur Verfügung hat. Noch weiß er nicht, wie er die Schere, die Dosenwurst, den Flachmann und das abgelaufene Einfahrticket für das Gti-Treffen 2008 einsetzten soll, aber sobald die Zeit gekommen ist, wird er wissen was zu tun ist. Das fühlt Hörbie.

Er verlässt den Laden, schließt hinter sich ab und denkt gar nicht mehr an Toni, denn er weiß, später wird er verstehen dass er aufbrechen musste. Er blickt nach links und nach rechts, kann den Jäger aber nicht entdecken. Da gerade kein Fahrrad im Ständer vor dem Geschäft zu finden ist, mit dem sich Hörbie auf die Suche machen könnte, muss er sich eine Alternative überlegen. Wie ein Zeichen Gottes entdeckte er auf der gegenüberliegenden Straßenseite Björn, das unbeliebte Urlauberkind aus den Niederlanden. Einmal im Jahr kam die Familie aus Amsterdam nach Eppbichl um hier ihre Ferien zu verbringen. Doch dieses Jahr muss das holländische Kind wohl vorübergehend auf sein lächerliches Hooverboard verzichten, dachte Hörbie und wechselte die Straßenseite.

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