Hörbie marschiert derart strammen Schrittes auf die andere Seite der asphaltierten Eppichler Hauptstraße, dass ein Auto scharf abbremsen muss und der Fahrer Hörbie irritiert anschaut.
“Hörbie … bist das du?”, fragt der alte Michl, der eigentlich gar nicht so alt ist, aber älter als der junge Michl und deshalb nach ungeschriebenen Eppichler Gesetzen alt genannt werden muss. Wie soll sich sonst jemand auskennen? Aber Hörbie lässt sich nicht ablenken. Auch nicht vom alten Michl. Nicht mehr. Nicht jetzt. Er denkt an seinen Ausflug in den Wald, als er auf seinem Baumstumpf saß, obwohl er doch den Metallkoffer schon in den Händen gehalten hatte und die Lösung so nah vor Augen! Und wovon hatte er sich ablenken lassen?! Von einem degenerierten Specht, seiner überbesorgten Mutter, die schon zu den Helikopter-Eltern gehört hatte, lange bevor es diesen Begriff überhaupt gab, und ihren verfluchten köstlichen Kärntner Schmankerln.

Hmmm … Kärntner Schmankerln …

NEIN! Hörbie konzentriert sich, wie er sich noch nie in seinem Leben konzentriert hat. Er braucht das Hooverboard. Das Hooverboard von Björn. Er braucht das Hooverboard von Björn so dringend, dass er gar nichts zu Björn sagt, sondern einfach von hinten auf es zusteuert, sich bückt, gebückt einige Meter hinter auf dem Hooverboard stehenden Björn herläuft und schließlich zupackt. Der Länge nach fällt Björn auf die Epplicher Hauptstraße und Hörbie hält das heißersehnte Gefährt in den Händen.
“Waroom”, keucht Björn. “Sorry Hörbie, aber das war niet veel nett!!” Hörbie ist das egal. Er muss den Jäger finden um die Welt zu retten. Er stellt sich auf das Hooverboard und fährt los, als hätte er nie etwas anderes getan. Kurz wundert er sich selbst darüber, dann fällt ihm auf, dass er keine Ahnung hat, wo er hinfahren soll. Er denkt an den Koffer. Gibt es dort einen Hinweis?  “NATÜRLICH!”, ruft Hörbie. Das Ticket des GTI-Treffens. “Reifnitz” stand da drauf. Er war zwar noch nie dort, denn schließlich hatte er Eppbichl noch nie verlassen, aber er hat gehört, Reifnitz hätte einen eigenen Wikipedia-Artikel. Das muss ein sehr wichtiger, berühmter Ort sein.
Als er in seiner Begeisterung den Kopf hebt, um dem alten Michl mitzuteilen, dass er jetzt nach Reifnitz fährt, sieht er es plötzlich: die komplette Straße, die Außenwände der Häuser … ja sogar die Wiesen neben ihm sind voll mit den Stickern des Jägers!

Und dann fällt ihm das Gedicht seines Vaters wieder ein.

“... Sei tapfer und sei stark,
gegen den bunten Meister der Jagd.
Er will der ganzen Welt die Farbe entziehen,
zu Beginn wird es in Eppbichl geschehen.
Erreicht er sein Ziel ist die ganze Welt grau …”

Es hatte bis jetzt einfach keinen Sinn gemacht, denn die Sticker waren ja bunt. Wie sollten sie denn eine graue Welt erschaffen?! Doch jetzt sieht er, was damit gemeint war. Die Sticker sind alle so klein, dass sie als gesamtes kein Bild erbeben. Die Farben, so eng nebeneinander gereiht sehen aus der Ferne einfach aus wie ein eine dunkelgraue, dreckige Mischung. Und er sieht noch mehr: Das Grün der grünen Sticker, es kann mit den Wiesen niemals mithalten. Das Gelb des gelben Stickers, den der Jäger selbst ihm auf die Stirn geklebt hatte. Es würde niemals dasselbe sein wie das Gelb eines frischen Löwenzahns im Frühling. Der Jäger, er will von Eppbichl ausgehend die ganze Welt verstickern.
Inzwischen hat sich Björn aufgerafft und läuft rechts von Hörbie auf dem Gehsteig. Links von ihm fährt der alte Michl, mit runtergelassenen Scheiben. Beide reden auf Hörbie ein. Björn, weil er sein Board zurückwill und mit den aufgeschlagenen Knien erst recht nicht zufuß gehen will, der alte Michl, weil er den guten alten Hörbie gar nicht wiederzuerkennen scheint. Und nebenbei fragt er sich, ob Hörbies Verhalten denn etwas mit den Stickern zu tun hat, die Eppbichl verschlucken. Doch Hörbie kümmert das nicht. Er fährt weiter. Er wird plötzlich wie magisch nach vorne gezogen … angezogen von der nächsten Kurve … das Hooverboard scheint wie von selbst zu fahren (also, eben noch mehr als es das normalerweise tun würde).

Und dann sieht Hörbie es. Das Ortsschild von Eppbichl. Es ragt vor ihm auf wie ein riesengroßer Endgegner, dabei weiß er, dass in dieser Geschichte von “Ende” keine Rede sein kann. Eppbichl. Durchgestrichen. Das bedeutet, er wird sein Zuhause verlassen. Zum ersten Mal in seinem Leben. Er fühlt den Schwindel von vor einigen Tagen, wie kurz, bevor er auf der Schwelle seines eigenen Hauses in Ohnmacht gefallen war.  Ihm pulsiert die Schläfe, genau an der Stelle, an der er den blauen Schimmer in seinem Badezimmerspiegel beobachtet hatte.
Er zögert kurz, doch dann fährt er am Ortsschild vorbei. Und es ist, als hätte ihn ein Blitz getroffen – als wäre er durch eine unsichtbare Wand gefahren. Das Gefühl durchdringt ihn so dermaßen, dass er stehen bleiben muss und vom Hooverboard absteigt. Und dann ist der Schleier von ihm genommen:
Es gibt da draußen mehr als Eppbichl.
Es gibt mehr als seine Mutter, ihren Reindling und ja, es gibt sogar mehr als Toni und den Laden, der ihn mit allem versorgt, was er körperlich braucht. Der Schwindel, den er in den letzten Tagen die ganze Zeit verspürt hat, ist weg. Er fasst sich an die Schläfe und besieht sein Spiegelbild in einer Pfütze, die vom gestrigen Gewitter übriggeblieben ist. Er sieht, dass ihn ein blaues Strahlen umgibt. Er ist zum Helden geworden, denn er hat Eppbichl verlassen.
Der alte Michl und Björn sind vorm Ortsschild stehen geblieben. “Was machst du denn, Hörbie?!”
“Ich fahre nach Reifnitz”, antwortet er entschlossen. Björns empörtes Rufen “Mit meinem Hooverboard???”, hört er nicht mehr.

Als es dämmert, versteht Hörbie, wofür die Dosenwurst im Koffer da war. Von Eppbichl nach Reifnitz ist es ein verdammt weiter Weg. Der Akku des Hooverboards hat seinen Dienst schon sehr bald versagt, nachdem es nicht mehr abwärts ging. Nun läuft Hörbie. Er läuft, bis er glaubt, in seinen Schuhen befänden sich kleine, glühende Steinchen, so weh wie seine Füße ihm tun. Er war den ganzen Tag gelaufen, immer auf derselben Straße, durch Dutzende Örtchen hindurch. Die Straße hatte einfach nie aufgehört. Wann würde wohl endlich dieses verdammte Reifnitz an die Reihe kommen? Wie viele Orte konnte es in Kärnten schon geben?
Gerade als Hörbie denkt, er kann keinen Schritt mehr weiter, auch nicht den winzigsten, kleinen Schritt, bleibt neben ihm plötzlich ein gelbes Auto stehen. Es ist ein Taxi. Die Autotüre auf der Beifahrerseite wird von innen geöffnet. Hörbie ist mulmig, doch mutig bückt er sich hinunter, und erblickt seinen alten Freund Schnurl! “Steig ein”, raunt Schnurl und klopft auf den Beifahrersitz.
“Gott sei Dank bist du soweit, Hörbie”, beginnt Schnurl zu sprechen, als die Landschaft an ihnen vorbei saust. “Die Anzeichen waren schon lange ersichtlich. Dein Vater wusste es schon damals, als du dich mit zehn Jahren am Dorffest betrunken hast: DU bist der perfekte Mann für diese Sache. Bevor ich nach Klagenfurt gezogen bin, hat mich dein Vater gebeten, dir die ganze Geschichte zu erzählen, wenn der Jäger zurückkehrt. Als mich gestern Resi angerufen hat, wusste ich, es ist soweit! Hörbie, alles was du je getan hast, alles was du bist, ist so viel mehr als du denkst. Eppbichl ist das magische Zentrum des Landlebens.  Jeder, der dort lebt, verkörpert etwas: Der Eppbichler steht für all die fleißigen Bauern auf der Welt, die ihren Kühen noch Namen geben, aber auch für alle frustrierten Frauen, die die ihr Haus nur für die Kirche verlassen.  Eppbichl ist die Engstirnigkeit, das Vorurteil gegenüber allem, was außerhalb des eignen Dorfes liegt, die Angst vor chinesischem oder indischem Essen. Aber Eppbichl steht auch für die Tradition. Die Kinder, die bei uns frisch und gsund´ wichsen gehen, stehen für jedes Kind auf der Welt, das leuchtende Augen bekommt, weil es den Zauber einer Tradition verspürt. Eppbichl steht für alle Feiertage und jede Tracht auf dieser Welt." Schnurl macht eine seufzende Nachdenkpause, bevor er weiterspricht:

"Der Jäger, Hörbie. Er ist der dunkle Teil des Landlebens – er ist die Angst vor dem Neuen. Er ist der, der all das Bunte und Neue in der Welt verdecken will. Und du, du bist das Licht des Landlebens. Die Geborgenheit und der Zusammenhalt. Die Geduld im gekrendelten Käsnudel und im Dampfl.  Aber die beiden müssen Hand in Hand gehen, Hörbie. Du musst das Gleichgewicht wiederherstellen. Du musst den Jäger dort hinbringen, wo er hingehört: Zur Statue der Berghelden in Eppbichl, damit er erkennt, dass ein wahrer Held den Mut braucht, die Welt zu erkunden UND die festen Wurzeln der Heimat.”
Hörbie atmet tief durch. “Bring mich nach Reifnitz, Schnurl”.

[embedyt] https://www.youtube.com/watch?v=fOtwD8KouXo[/embedyt]