So entschlossen wie er eben zu Schnurl sagte: „Bring mi noch Reifnitz“, genauso entschlossen versuchte er sich auch anzuschnallen. Denn Hörbie konnte von nun an nicht mehr fahrlässig mit seinem Leben umgehen, war es doch er, der nun die ganze Verantwortung aufgetragen bekommen hatte, sein geliebtes Eppichl und von dort aus die ganze Welt zu retten und in den schönsten Farben dieser Erde wieder neu erstrahlen zu lassen.
Er bemühte sich, doch der Gurt wollte einfach nicht in die Schnalle. Hörbie wetzte auf dem Beifahrersitz hin und her, er wollte sich vor Schnurl nicht blamieren, jetzt wo er doch schon ein Held war, ohne großartig etwas dafür getan zu haben, außer dem Urlaubskind Björn sein Fortbewegungsmittel zu klauen und eine Entscheidung zu treffen, die für Menschen außerhalb von Eppbichl gar keine Entscheidung war, sondern eine Notwendigkeit. Hörbie entschied sich, Eppichl zu verlassen, seine Vision war klar: den bunten Jägersmann ausfindig machen, ihn zu observieren, seine Schwächen und sein Umfeld zu durchforsten, um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein und vor allem um das Dunkle, welches in ihm schlummert, sichtbar zu machen.

Er hatte es noch immer nicht geschafft den Gurt in die Schnalle zu stecken und setzte sich somit einem enormen Risiko aus, da Schnurl es wohl sehr eilig hatte und die Geschwindigkeitsbegrenzung eher als Zierde am Straßenrand wahrnahm. Hörbie wurde schlecht, hatte er doch den ganzen Tag nichts gegessen und nur sehr wenig getrunken.
„Du Schnurl, ich glaube dein Gurt ist kaputt und hättst du vielleicht etwas Wasser für mi, ich bin total ausgetrocknet“. Schnurl fährt bei gleicher Geschwindigkeit weiter, jedoch nun freihändig. Mit der linken Hand greift er in das Seitenfach und holt einen Flachmann hervor und mit der rechten Hand zieht er ein kleines Metallteil aus der Schnalle vom Gurt. „Do nimm, des hüft weit besser“ und er reichte ihm den Flachmann. Schnurl benutzte dieselbe eiserne Klinke für seinen Gurt, damit er sich nicht anschnallen brauchte und dieser nervige Piepston nicht anging. Hörbie war nun sichtlich beeindruckt und zog ordentlich an der Flasche und steckte sich das Metallteil in die Hostentasche, wer weiß für was er das noch brauchen könnte.
Endlich hatte er es geschafft, sich anzuschnallen, kurz ertappte er sich wie er an seine Mutter dachte, die nun wirklich stolz auf ihn gewesen wäre. Sie wird sich bestimmt Sorgen machen, wenn Hörbie, nicht so wie jeden Abend nach Hause kam. Sein Handyakku war leer, doch zum Glück wusste er die Telefonnummer vom Haustelefon auswendig. Sobald er in Reifnitz angekommen ist, wird er eine Telefonzelle aufsuchen und von da aus seiner Mutter sagen, dass er bei einem Freund übernachte und dann seinen Vater ans Telefon ordern, um ihm voller Stolz zu verkünden: Vater, 13 Jahre lang haben wir in Frieden in Eppichl gelebt, damit dass so bleibt, werde ich nun tun, was ein Herbert Mauer tun muss ….

Tatsächlich waren sie schneller in Reifnitz angekommen als gedacht. Hörbie hatte wohl die restlichen Kilometer gedöst. Das Verlassen von Eppichl kostete ihn doch mehr Kraft als zuvor angenommen. Langsam öffnete er seine Augen, musste aber leider feststellen, dass sie nicht in Reifnitz, sondern bei einer Tankstelle stehengeblieben waren. Hörbie wollte nicht unhöflich wirken und auf die Weiterfahrt drängen, doch da bemerkte er, dass Schnurl längst nicht mehr im Auto saß. Hörbie schnallte sich ab und stieg verdattert aus dem Auto, sein Magen knurrte und seine Beine schmerzten. Bereits hier sah alles ganz anders aus als in Eppichl, die Tankstelle war hell ausgeleuchtet und hatte nicht nur einen Verkaufsraum, sondern sogar ein kleines Bierbeisl. Dort fand er auch Schnurl, der gerade eine halbe Bier leerte und mit der anderen Hand schon die nächste entgegennahm. Hörbie wurde sauer und stellte ihn zu Rede. Schnurl hingegen blieb ganz locker: „Jo mei, Hörbie, jetzt sei ned so, ich hob ma hoid docht du bist miad und i ho an Duarst, wenn ma an kloan Stopp eilegen, daun hot jeda wos davo. Geh her, sitz di nieder und i bestöh da a hoibe und a Fleischkassömmi. Du schaust aus, wie wennst a weng wos vatrogen kunst.“ Hörbie hatte in der Tat Hunger und gegenüber Bier war er ja seit seinem 10. Lebensjahr sehr positiv eingestellt.
Im Beisl war allerhand los, die mussten alle aus Reifnitz oder anderen Dörfern sein, Hörbie kannte niemanden, außer Schnurl. Außer der Kellnerin waren nur Männer hier, die über das Wetter, die letzte Gemeinderatssitzung und über einen neuen Traktor von einem Bauern fachsimpelten. Hörbie verdrückte seine Fleischkässemmel und stieß sich die Halbe hinunter, er hatte es schließlich eilig. Wer weiß, wie viel Zeit ihm noch blieb? Wer weiß, wie lange Eppichl noch in Farbe erstrahlen würde? Und wer weiß, wie viel Zeit es ihm kosten würde, den alten, bunten Jägersmann überhaupt ausfindig zu machen? Gerade als er Schnurl überredet hatte, die Weiterfahrt nach Reifnitz anzutreten, traute Hörbie seinen Augen nicht. Er schaute zur Eingangstür, drehte sich weg und wagte erneut einen Blick auf die Türe zu werfen. Das konnte nicht sein, es war unmöglich und doch schien es Realität zu sein. Vier Männer betraten den Raum, groß, stark, uniformiert und sichtlich abgekämpft. Zuerst dachte Hörbie, er habe sich verschaut, doch nein, hinter den vier Männern, stand sie, in ihrer roten Uniform, die Haare zu einem strengen Zopf nach hinten gebunden, nun hatte er keinen Zweifel mehr, dass sie es war. Es war Resi.

Hörbie ließ sich erneut auf den Barhocker fallen, seine Knie waren weich und sein Gesicht mittelstark bis ketchuprot gefärbt. Hörbie war in einer Zwickmühle. Er wusste, dass seine Vision nicht länger warten konnte und sie aufbrechen sollten, doch sein Herz nagelte ihn förmlich am Barhocker fest und er bestellte drei Halbe Bier, eines für Schnurl, für sich selbst und für Resi. Sie erkannte ihn wieder, grüßte freundlich und setzte sich neben ihn auf den Hocker. „Launga Tag, a Geburt im Rettungswagen, zwei Herinfakte und a Haundwerker, der sie beim Tisch mocha mitn Stanleymesser indn Bauch gschnittn hod – für heid reichts ma. Geh Hörbie i bin so froh, dass i Feierobnd hob.“ Hörbie wusste nicht recht was er antworten sollte, so imponiert war er von Resi, eine Geburt im Rettungswagen. Hörbie wäre schon davor umgefallen, die Wunde im Bauch hätte er nicht einmal ansehen können, denn Hörbie kann kein Blut sehen, eine Eigenschaft, die ihm als Held von Eppichl aber sicher nicht geschadet hätte. Resi war trotz des langen Tages immer noch die Schönste und das nicht nur aufgrund der Tatsache, dass sie neben der ranzigen, alten Kellnerin, die einzige Frau im Raum war, – nein, Resi war von allen die schönste Frau.
Eppichl verfügte über kein Krankenhaus, deswegen hatte Resi schon früher den Sprung aus Eppichl geschafft und war Hörbie einen klaren Schritt voraus. Nach dem ersten Bier für Resi kam sie so richtig in Fahrt und erzählte im Detail von den Einsätzen. Hörbie musste sich bemühen, auch bei dem Herzinfarkt-Fall aufmerksam und interessiert rüberzukommen. So gern er Resi auch hatte, musste er sich schön langsam auf den Weg machen.
„Des kaunst du dir nicht vorstellen, wie es in dem Haus gstunga hod, überall san die Viecha ghängt, Trophäen und sogar an Wildschweinteppich hod a ghobt. Der Maun kaun wirklich von Glück reden, dass ma zufällig stehbleim haum miasn, weil des Kind grod kuma ist. Der wohnt jo im nirgendwo, zwischen Eppichl und Reifnitz.“
Hörbie war zu müde und zu sehr auf Resis Oberweite konzentriert, die sich durch ihre ruckartigen Bewegungen immer wieder in seine Richtung schob, so dass er die Zusammenhänge nicht gleich auf Anhieb verstehen konnte. „Hörbie, heast ma du eigentlich zua?“, wollte Resi wissen.
„Dieser Mau, i sogs da, da stimmt wos ned, ois i earm nach seinem Namen gfrogt hob, hod er immer nur was von bunten Farben gredt und ois er wieder zu sich kuma ist, hod a ma so an Sticka aufs Hirn pickt, zuerst hab i glaubt, dass das des a Rabattmakerl vom Spar ist, aber na, Hörbie, des war gaunz sonderbar, wirklich… „ „Stopp, Resi!“, schrie Hörbie und war nun kreidebleich.

Resi, die Frau seiner Träume war nicht nur wunderschön, sondern ab diesem Tag eine wichtige Figur auf Hörbis Weg zum Superhelden. Hörbie zahlte, bedankte sich bei Schnurl und schnappte Resi an der Hand und zerrte sie aus dem Bierbeisl ging auf die Knie und fragte: „Resi, mei du schene Resi, bist du bereit für das Abenteuer deines Lebens?“ Resi lachte verlegen, überlegte kurz und nahm dann entschlossen Hörbis Hand. Hörbie fühlte sich jetzt noch sicherer. Er flüsterte Resi etwas ins Ohr und als sie dann im Rettungswagen saßen, sagte Hörbie: „Resi, bring mich genau zu dem Punkt, wo ihr do heid des Dings do, jo i moan des Kind aufd Welt brocht habts“. Resi schaute verunsichert und fragte dann skeptisch: „Du monast zu dem abgelegenen Haus von dem oidn Maun mitn Herzinfarkt?“, „Jo genau, zu dem“ sagte Hörbie entschlossen und so wechselte Hörbie vom gelben Taxi in den Krankenwagen um nicht nach Reifnitz, sondern zu dem Haus des bunten Jägersmann zu fahren.