Schon beim Einsteigen in den Krankenwagen merkte Hörbie, dass ihm ein bisschen schwummrig zu Mute war. Zunächst dachte er sich nicht viel dabei. Immerhin hatte er in den letzten zwei Tagen mehr durchgemacht als in seinem gesamten vorherigen Leben. Was zugegebenermaßen nicht sehr schwer war, aber dennoch: Die Sticker-Attacke auf Eppbichl, die Ohrfeige eines Schicksalsfeindes, der beinahe Zusammenprall mit dem Traktor, der Sturz vor der Haustür auf den harten Betonboden, die Bekanntschaft mit seiner Traumfrau, der Diebstal des Hooverboards, das erstmalige Verlassen seines vertrauten Heimatorts und die Erkenntnis seiner Bestimmung. Ja, all das konnte einen schon ein wenig überfordern. Hörbie schob es aber eher auf die drei Halbe, die er gerade innerhalb von 25 Minuten in sich hineingeschüttet hatte und war daher nicht besonders überrascht, dass er die kleine Stufe hinauf in die Fahrerkabine erst beim dritten Versuch erwischte. Drinnen angelangt war erneut der Sicherheitsgurt ein Hindernis, den Hörbie somit prompt zu seinem größten Feind nach dem Jägersmann ernannte. Resi beugte sich zu ihm hinüber und half ihm, sich anzuschnallen. Dabei kamen sich ihre Gesichter kurz so nahe, dass Hörbie unter ihrer beeindruckenden Bierfahne auch einen Hauch des Pfefferminzdufts ihres Kaugummis erhaschen konnte. „Diese Teufelin!“, dachte er betört. Pfefferminzkaugummis galten unter den pausenlos Bier trinkenden Eppbichlern seit langem als potentes Aphrodisiakum.
Erregt kratzte er sich am Hals. Und erschrak: Da war Blut! Zwar nur ein winzig kleiner Blutfleck auf der Kuppe des Fingers, mit dem er sich gekratzt hatte, aber genug um Hörbies sanftes Herz einmal aussetzen zu lassen. „Du musst jetzt stark sein, Hörbie.“, sagte er zu sich, „Resi, darf dich nicht weinen sein. Außerdem geziemt es sich nicht für den Retter von Eppbichl (und der Welt), wegen ein wenig Blut in Tränen auszubrechen.“ Kurz vorm Einsteigen hatte er am Parkplatz einen kleinen Stich am Hals gespürt. Wahrscheinlich eine Gelse, die ihn schon ein wenig angesaugt hatte.
Doch als Resi ihn jetzt fragte, ob er bereit wäre, konnte er seine Antwort nur noch nuscheln. Er hörte seine eigene Stimme dabei, als wäre sie ganz weit weg von ihm. Sein Kopf wurde immer schwerer und alles begann sich zu drehen. Kurz bevor das Licht ausging, hörte er noch, wie Resi irgendetwas flüsterte, aber er konnte ihre Worte nicht mehr verstehen. Dann wurde alles schwarz.

Hörbie fühlte sich endlos fallen. Er war inmitten eines Wirbelsturms aus grell bunten Stickern und stürzte Saltos schlagend im Auge des Sturms in die Tiefe. Doch da war kein Boden in Sicht, nur ein schwaches blaues Schimmern. Ein unbändiger Lärm umgab ihn, doch darunter liegend konnte er leise, aber doch deutlich Worte wahrnehmen. Eigentlich nur eines. Und ob der Begriff „Wort“ wirklich passend war...

„Huuuuu ..... laaaa ... paaaaluuuuuu....“

Unvermittelt fand er sich am Ufer eines Flusses wieder. In der Strömung glitzerte es, als schwämmen unzählige, bunte Fische darin. Doch so sehr er sich auch bemühte, er konnte keinen einzelnen ausmachen. Dann sah er, dass es auch keine klare Grenze zwischen Fluss und Ufer gab.
Neben ihm saß eine Frau. Er wusste nicht, ob sie schon die ganze Zeit da gesessen hatte oder gerade erst gekommen war, aber ihre Gegenwart fühlte sich vertraut an. Obwohl ihr Gesicht verschwommen war, war er sich sicher, dass er sie kannte. Genauso wie er wusste, dass es nicht Resi war. Sie war gleichzeitig sehr nahe bei ihm und unerreichbar weit weg. Er blickte hinab und da fiel ihm auf, dass es auch zwischen ihm und der Frau keine Grenze gab. Er konnte nicht sagen, wo er aufhörte und sie anfing. Komischerweise erschreckte ihn das gar nicht. Es fühlte sich ganz normal an. Sie war grell pink gekleidet, mit blauen Hosenträgern. Bei genauerem Hinsehen entdeckte er, dass sie eine Brille trug. Die einzelnen Gläser der Brille sahen aus wie große … ja, wie hieß das Ding denn noch mal … das riesige Rad … Riesenrad! Die Gläser ihrer Brille sahen aus wie zwei Riesenräder.
Plötzlich saß Hörbie in einer Kabine des Wiener Riesenrads. Doch als er hinausblickte, sah er nur Eppbichl. Dort unten wuselte es wie verrückt, doch als er länger hinsah, erkannte er, dass es keine Menschen waren, die dort herumliefen, sondern Füchse.

Jemand nahm von hinten seine Hand. Wieder sie, die mysteriöse, pinke Riesenradbrillenfrau. Konnte das … Aber er hatte sie doch nie … Oder hatte er …?
Eine einzige Person in der ganzen Geschichte Eppbichls hatte es je gewagt, nach dem Schulabschluss (oder wie man es in Eppbichl nannte: nach dem achten Filmriss) nach Wien zu ziehen. Fortan war es in dem kleinen Kärntner Dorf verboten, über diese Person jemals wieder ein Wort zu verlieren. Ihr Name wurde aus allen offiziellen Dokumenten (also aus dem Notizbuch vom Pfarrer) gestrichen. Doch immer wieder flüsterten die Eppbichler und vor allem die Eltern junger Kinder benutzten die Geschichte manchmal heimlich als Abschreckung, wenn die kleinen auch nur ansatzweise ähnliche Ambitionen zeigten – natürlich verziert mit so Grauen erregenden wie erfundenen Details. Denn niemand wusste wirklich, wie es der Hirneder Susi nach ihrer Auswanderung ergangen war.
Je mehr ihre Hand mit der seinen verschmolz in der einsamen Kabine dieses Eppbichler Riesenrads, etliche Meter über den wild umherlaufenden Füchsen, desto sicherer war sich Hörbie.
Da brauste wieder ohrenbetäubender Lärm auf. Um sie herum tobte erneut der Stickerwirbelsturm, subtil, aber deutlich unterlegt mit der Stimme Andreas Gabaliers’. „Huuuuu laaaaa paaaluuuuu...“, säuselte es, als ein gewaltiger Windstoß Hörbie aus der Kabine rieß. Während er fiel, hörte er schwach ihre Stimme, „Hörbie.... finde mich... Hörbie... Hörbie...“

„HÖRBIE!“
Es riss ihn aus dem Schlaf. Sein Kopf dröhnte wie nach drei Länderspielen zusammen (umgerechnet etwa 2 Kästen Bier) und seine Lider waren schwer. Noch bevor er sie ganz geöffnet hatte, bemerkte er, dass er sich kaum bewegen konnte. Noch ganz benebelt sah er auf. Es war dunkel. Nun, eigentlich weniger dunkel, als einfach grau. Als hätte man all die Farbe aus dem Raum ausgesaugt.
Hörbie saß gefesselt auf einem Sessel inmitten eines vollkommen farblosen Raumes.
„Endli,“ sagte jemand hinter ihm, „I hon ma schon gedocht, sie hot da zvül gebn und du wochst goa nima auf he.“
Und dann brach die Stimme in das unheimlichste Gelächter aus, dass Hörbie jemals gehört hatte.

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