Das seltsam hohe Lachen, bösartig vergnügt, wie das einer Cartoon-Hexe, war das des Jägers. Schon am Geruch hatte Hörbie ihn erkannt – auch die Stimme drang ihm in den immer noch dröhnenden Kopf und zerrte dort an seinen Nerven wie die Fesseln an seinen Handgelenken, ließ seine Wange zucken, die sich an den Schlag erinnerte, während Hörbie meinte, bereits die kitzelnden Barthaare im Nacken zu spüren, doch seine Sinne schienen im Streiche zu spielen – spürte er doch nur den Hauch des Fuchsschwanzes an seinen Füßen vorbeihuschen.
„So... l...leicht kommst du damit nicht davon!“ zischte Hörbie, mit dem ganzen fernseh-gemimten Mut eines Helden, den er vorgaukeln konnte.
„Ajo... womit denn?“ sichtlich amüsiert trat der Jäger vor ihn. „Mit dem...dem...Farbe entziehen!“ rief Hörbie. Er war sich dabei selbst nicht mehr sicher – sein Traum hatte ihn verwirrt. Was hatten die Sticker und die Farbe schließlich mit Wien, der Hirneder Susi oder Hulapalu zu tun? Er war sich allerdings sicher, dass es hier einen Zusammenhang gab, dass das Schicksal, oder sonst jemand, der mächtiger und weiser war als er, ihm diese Bilder gegeben hatte, ebenso wie sein Vater ihm das Gedicht und den Koffer überlassen hatte.
"Jetzt schau net so vadattert“, meinte der Jäger. Hörbie fühlte sich wie James Bond, oder Spiderman, oder irgendein anderer Held, der dem Bösen direkt gegenübersitzt und fragte sich, wie solche Geschichten normalerweise an dieser Stelle weitergehen. Da hatte er einen Einfall, den vermutlich ersten sinnvollen Einfall seit langem. „Ich wette, du hast überhaupt keinen großartigen Plan“, platzte er heraus. „Ich wette mit dir, du hast gar keine Ahnung, wie du der Welt die Farbe entziehen sollst – und es macht überhaupt keinen Unterschied, dass du mich erwischt hast, weil du mehr als ein paar Sticker nicht zu bieten hast, und die kann ohnehin jeder wieder abkratzen!“ Der Jäger verzog das Gesicht und zögerte... „Naja. Du kumst do jetzt eh nimma raus, also kaun i’s da genauso guat azöhln“, meinte der Jäger.. „Oba nua fia den Foll, doss des jetzan in iagend ana ondan Wölt beobachtet und aufgschriebn wird, wechsle ich jetzt lieber ins Hochdeutsche. Das Deutsche ist schließlich unsere Sprache, unsere Kultur – und über die Grenzen Eppbichls hinaus verständlich.“ Hörbies Kopf rauschte.
„Du glaubst ja wohl selber nicht, dass man nur mit Stickern die Welt farblos kleben kann. Ja, sie helfen. Sie machen die Welt unübersichtlich. Und wenn die Welt unübersichtlich wird, wollen die Leute einen, der ihnen sagt, was sie sehen, oder, noch besser, vorsingt. Ich selber hab’ leider die falsche Stimme dafür.“ „Huulapaluu“ wehte ein Flüstern durch Hörbies Hirnwindungen. „Gabalier“ murmelte er. Der Fuchs hob interessiert den Kopf und blickte ihn geradewegs an.
„Was glaubst du? Die rauhe Stimme, die aussagelosen Texte, die von nicht viel handeln außer Natur, Rudelverhalten und romantisiertem Sexualtrieb – wer soll so etwas sonst verfassen?“ Wieder lachte der Jäger. „Füchse sind doch keine Rudeltiere“, wunderte sich Hörbie leise. „Ein paar rechte sprachliche Schnitzer eingestreut – und schon wippen die Leute mit, freuen sich, die Welt kitschbunt zu sehen und übersehen dabei, wie alle Farben langsam braun werden.“ Hörbie hielt immer noch Blickkontakt mit dem Fuchs. Der erhob sich auf die Hinterbeine. „Uu lalala so a schena tog“ erklang die Stimme des Fuchses. Hörbie wurde schwindlig. Also das passierte in den James-Bond-Filmen sicher nicht. „Sitz“ befahl der Jäger. „Das merken die Leute doch!“ widersprach Hörbie. „Gar nix merken die!“ brach ihn der Jäger ab. „Solange man dazu tanzen kann, die Lederhose sich dabei schön an die Schenkel schmiegt und man ihnen Bilder in die Köpfe malt, die ihnen gefallen, sehen sie die braunen Flecken darauf nicht, weil sie gar nicht wollen.“ In Hörbie drehte sich noch immer alles wie auf dem Riesenrad. Mit jeder Umdrehung stieg ein Gedanke in ihm hoch - und wieder ab. Während er damit beschäftigt war, die Informationen wie leere Bierflaschen einzusammeln und aufzureihen, quatschte der Jäger weiter.
„Natürlich war das nicht mein erster Versuch. Der erste wurde damals zu... offensichtlich, zu politisch. Da hab’ ich das Genre gewechselt.“ „Nicht die Freiheitlichen sind die Schädlinge der Demokratie – wir sind das Schädlingsbekämpfungsmittel!“ schrie der Fuchs. „Gusch jetzt!“ herrschte ihn der Jäger an. Hörbie war das alles zu viel. Er musste hier raus. Seine Kiste fiel ihm wieder ein. Bei Hinterkirchenengelsheim war sie ihm zu schwer geworden – da hatte er die Gegenstände einfach in seine Hosentaschen gestopft. Mit der freien Fingern der am Rücken gefesselten linken Hand fischte er, möglichst unauffällig, nach dem Griff der Schere in seiner Gesäßtasche.
„Aber warum bist du dann gerade zu mir gekommen?“ fragte Hörbie. „Warum bin ich auserwählt, dich aufzuhalten?“ „Weil du das letzte Ticket hast.“ „Welches Ticket?“ „Du weißt genau, welches Ticket!“ schrie der Jäger. Aber natürlich! Das GTI-Einfahrticket von 2008, aus der Kiste seines Vaters. Das war doch nur ein Hinweis auf Reifnitz, oder etwa nicht? Hörbie versuchte, die Informationen zu verknüpfen, die vor seinem inneren Auge Ringelspiel fuhren. Reifnitz – Eppbichl – 2008. Wien – Reifnitz –Riesenrad. Gabalier – Reifnitz – 2008. Hulapalu – Gabalier – Freiheitliche – 2008... Was war 2008? Da war doch was...plötzlich dämmerte es Hörbie. 2008 war Jörg Haider gegen einen Baum gefahren und tödlich verunglückt. Das dachte er zumindest – bis jetzt. Der Fuchs fixierte ihn mit kleinen, fast menschlichen Augen. Jörg Haider und Andreas Gabalier... waren beide menschliche Reinkarnationen des Fuchses!

„Dieses Ticket“, presste der Jäger hervor, „ist die Eintrittskarte in eine Welt so grau, wie sie nur von Abgasen wird, und so provinziell, wie es nur auf Kärntner Großveranstaltungen zugeht. 2008 war diese Kombination so stark, dass der Sog der GTI-Unterwelt zu groß wurde, das Portal verbog sich ...und mein Plan ist gescheitert. Aber mit diesem Ticket – habe ich den Zugang. Und wenn Gabalier erst Zugang zum GTI-Treffen 2008 bekommt...“ Er beendete den Satz nicht und zog das Ticket, das aus Hörbies Vordertasche lugte, hervor. „Aber das finden wir gleich heraus. Andi! Los!“ Der Fuchs erhob sich und flüsterte: „Huula....“ In dem Moment öffnete sich eine Tür und der Fuchs schreckte zurück. In ihrem Sonntagsmantel, dessen Pelzkragen rötlich glänzte, stand Hörbies Mutter Gisela in der Tür. In ihrer Hand blitzte eine gefrorene Kasnudel. Hörbie wurde wieder schwindlig, die gekrendelte Nudel erschien ihm im Lichtschimmer wie aus Metall, das Riesenrad blitzte vor seinem inneren Auge auf. „Mama!“ rief Hörbie. „Susi!“ rief der Jäger entsetzt.

In diesem Moment spürte Hörbie, dass nicht allein er der Held dieser Geschichte war. Nicht er konnte den Jäger aufhalten. Niemand, der nie aus Eppbichl rausgekommen war, konnte das – nicht ohne Hilfe. „ Mama, ich soll die Susi suchen!“ rief er, „Bist du...?“ „Nicht die Susi – alle Susis, Bua!“ sagte sie in seine Richtung, den Blick auf den Jäger geheftet. „Die Susi – das ist doch nur ein Bild. Eine Figur – ein Name, den man denen gibt, die weggegangen sind. Warum glaubst, sind fast keine Frauen in deinem Alter in Eppbichl, Schatzale?“ Hörbie musste an Resi denken. „Glaubst du, die Hirneder Susi ist die Einzige, die weggegangen ist? Ich war nur die Erste!“ Seine Mutter, die Hirneder Susi! Warum hatte sein Vater ihm die Kiste überantwortet, nicht ihr? Allerdings – sein Vater hätte sicher auch nie die Rettung der Welt außerhalb von Eppbichl, von Kärnten – und außerhalb des männlichen Geschlechts erwartet. Hörbies Mutter machte sich und ihre Kasnudel wurfbereit.

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