Hörbies Gedanken rasten. Er konnte sich kaum konzentrieren. Blaues Licht... das war ihm die letzten Tage ein wenig zu oft begegnet, um es als Zufall abzustempeln. Er musste an seinen Traum denken. Da hatte es keine Grenzen gegeben und alles war miteinander verwoben gewesen. Was konnte das bedeuten? Nicht vieles, das er kannte, war grenzenlos. Ihm fiel eigentlich nur seine Mutter ein.
Ja, Gisela war eine unwahrscheinlich massige Frau, aber daran dachte Hörbie gar nicht. Er dachte an ihre grenzenlose Güte, ihr unendliche mütterliche Fürsorge und nie endenwollende Liebe für ihren einzigen Sohn. Sie sagte immer, „Hörbie, ich hab dich so lieb wie der Himmel weit ist!“... wenn sie ihn nicht gerade mit dem Nudelwalker in der Hand durchs Haus jagte, weil er schon wieder von der Kasnudelfüllung genascht hatte, während sie gerade krendeln wollte.

DER HIMMEL! Natürlich! Der Geistesblitz traf Hörbie so unvermittelt, dass er alle Vorsicht vergaß und jauchzend aufsprang. Sofort zuckte er wieder zusammen. Eine Sirene erklang. Blaulicht.
„Hörbie!“
Hörbie machte die Augen zu. Vielleicht wurde er dadurch ja unsichtbar.
„Hörbie, ich kann dich sehen!“
Verdammt. Er schlug die Augen wieder auf. Resi winkte ihm aus dem Rettungsauto zu.
„Warum sollte ich dir jemals wieder vertrauen, du verführerische Schlange?!“
„Ach Hörbie, es tut mir so Leid. Ich wollte dich nicht verraten, wirklich nicht! Ich hatte keine andere Wahl! Er hatte meinen Fuchs!“
„Was redest du denn da?“
„Ach komm, jetzt steig schon ein, ich helf’ dir auch beim Anschnallen.“
Hörbie sah Resi an. Konnte er ihr noch eine Chance geben? Aber wenn sie ihn noch einmal verraten würde, daran würde er zerbrechen. Doch das, was er in seinem Herzen fühlte, konnte doch nicht falsch sein?
„Hörbie... bitte verzeih mir.“, Resi klang fast verzweifelt. Und dann sagte sie etwas, das Hörbies Knie endgültig weich werden ließ,
„Ich liebe dich doch...“
„Oh Resi!“ Er rannte um den Krankenwagen, hüpfte über die Beifahrertür in die Fahrerkabine und fiel seiner Traumfrau um den Hals.
„Ich liebe dich doch auch!“
Da bewegte sich etwas bei seinen Füßen und Hörbie schreckte aus der Umarmung hoch. Der Fuchs!
„Wir haben viel zu bereden.“, sagte Resi.
Sie erzählte, dass sie den Fuchs verletzt im Wald gefunden hatte, als sie noch ein kleines Kind war. Sie hatte ihn mit nach Hause genommen, verarztet und gesund gepflegt und die beiden waren enge Freunde geworden. Resi taufte ihn Franz, nach der Kärntner Skilegende. Irgendwann hatte sie gemerkt, dass dieses Tier kein gewöhnlicher Fuchs war. Normalerweise wurden Füchse nur maximal fünf Jahre alt. Doch Franz begleitete sie inzwischen schon seit fünfzehn Jahren.
„Wusstest du,“, sagte Resi, „dass Füchse eigentlich eine Hundeart sind, aber auch katzenähnliche Eigenschaften haben? Verstehst du? Sie vereinen das Unvereinbare! Franz ist der Urfuchs und er steht für Einigung wie kein anderes Lebewesen. Deshalb muss der Jäger ihn auch unterdrücken und an der Leine beherrschen, um seine Herrschaft über die Toleranz zu untermauern! Er hat Franz entführt und gedroht, ihm ganz schreckliche Dinge anzutun, wenn ich dich nicht zu ihm bringe. Als der Franz mir auf einmal wieder zugelaufen ist, wusste ich, du musst dich und ihn befreit haben und ich habe mich sofort auf die Suche nach dir gemacht! Ach und schau, was er mitgebracht hat!“
Resi zeigte auf den rostigen Gegenstand neben dem rostfarbenen Tier: Hörbies Metallkoffer!

„Resi! Das ist großartig. Ich bin auch auf etwas drauf gekommen: Der Himmel ist blau!“
„Ich bin mir nicht sicher, ob das eine neue Information ist...“
„Bin noch nicht fertig. Pass auf, ich hatte einen Geistesblitz: Der Himmel ist blau und wir sind alle unter ihm!“
„Ich glaube, wir müssen über deine Definition des Wortes ‚Geistesblitz’ reden.“
„Aber jetzt hör mir doch einmal zu: Die ganze Zeit habe ich mich gefragt, warum mir in letzter Zeit ständig so ein blaues Licht begegnet, auch in meinen Träumen. Ich habe es erkannt: Der Himmel ist blau und er vereint uns alle, die wir unter ihm leben. Alles hängt zusammen, verstehst du? Und alles hat seine Existenzberechtigung, sogar die Wiener! Weil ohne Stadt, kein Land, und ohne Land, keine Stadt! Ohne Berg, kein Tal, ohne Licht, kein Schatten und so weiter!“
Hörbie erzählte ihr von seinem Traum. „Und ich hoffe, du wirst jetzt nicht eifersüchtig, aber wir müssen wirklich die Hirneder Susi finden!“
„Hmmmm ... der Name kommt mir irgendwie bekannt vor... aber woher nur? Und wohin fahren wir jetzt, Hörbie?“
„Zuerst mal nach Hause. Die Welt kann man nicht mit leerem Magen retten und die Mama wartet sicher schon ganz wütend mit dem Abendessen!“

Also fuhren sie los. Die ganze Fahrt über hatte Hörbie seine Hand auf Resis, die ihre wiederum am Schaltknüppel hatte. Jede Bewegung, jeden Schaltgang machte der verliebte Held mit. So hatte er sich noch nie gefühlt. Jede Faser seines Körpers schien zu glühen, alles, was er anschaute, wirkte plötzlich bunter und heller und Hörbie verstand: Nur echte Liebe kann echte Geborgenheit erschaffen. Und echtes Glück ist immer inkludierend und niemals exkludierend. Er fragte sich, was dem Jägersmann wohl zugestoßen sein musste, das ihn mit so viel Angst und Hass erfüllt hatte.
Nach etwa 45 Minuten kamen sie in der Innerwinkel Straße 3 an. Hörbie war nervös. Zum ersten Mal würde er seinen Eltern eine Frau als seine Freundin vorstellen. Natürlich hatte es auch davor schon Frauen in seinem Leben gegeben, aber eher Liebeleien als echte Liebe und keine war ihm wichtig genug gewesen, um sie der überfürsorglichen Mutterhenne Gisela vorzustellen, die in Hörbies Vorstellung in solchen Situationen eher zu einer Mutterlöwin mutieren würde, der man gerade Frischfleisch vor die Füße geworfen hatte.
Gemeinsam gingen Resi und Hörbie langsam zur Türe. Da hörten sie es drinnen poltern und krachen. Sie ließen alle Vorsicht fahren und stürzten in das Haus hinein.
„Mama!“
Gisela saß gefesselt auf einem Sessel in der Küche. Der Vater lag offenbar bewusstlos auf dem Sofa vor dem Fernseher. Nein, falsch. Er schnarchte. Vater Maurer schlief einfach so tief, dass nicht einmal die Notlage seiner Frau ihn aufgeweckt hatte. Hörbie schnappte sich die Schere aus dem Metallkoffer, den er aus dem Auto mitgenommen hatte, schnitt seine Mutter los und befreite sie von dem Geschirrtuch in ihrem Mund, sodass sie wieder reden konnte. Doch bevor sie auch nur ein Wort herausbrachte, schnappte Resi hörbar nach Luft, „DU!! Du bist es! Hörbie, ... deine Mutter heißt nicht Gisela-“
„Ich heiße Susi Hirneder, mein Bub. Resi hat mich vor Jahren wegen einer Panikattacke ins Krankenhaus geführt. Da bist du um 19:30 Uhr noch immer nicht zum Abendbrot zu Haus gewesen. Meine Krankenakte musste ich mit echtem Namen ausfüllen, das hat die Resi wohl gesehen.“
Die Welt drehte sich um Hörbies Kopf.
„Ich bin so verwirrt, Mama, ... ich hab geträumt, dass ich dich finden soll?“
„Junge, du musst verstehen, es geht hier nicht nur um mich. Glaubst du, sonst hat niemand sein Glück in der Hauptstadt versucht? Ich war nur die Erste! Es geht um alle Susis, um alle, die nach Wien gegangen sind. Um alle, die aus Wien gekommen sind. Um alle aus der Stadt und um alle vom Land. Es geht jetzt um alles.“
„Mama, ich verstehe das alles nicht. Wo ist das Fass, das der Jäger will? Was ist da drin? Und was ist eigentlich mit dem Papa? Und was ist in dem Flachmann aus Papas Metallkoffer? Und warst du am GTI Treffen 2008??! Und übrigens, die Resi und ichlieben uns.“

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