“Herbert, Herbert Herbert – langsam! Eines nach dem anderen! Ich weiß, du hast jetzt viel erlebt und musst das alles verarbeiten. Atme tief durch.  Ich werde dir alles erzählen, was ich weiß – bei ein paar Käsnudeln. Aber vorher müssen wir in den Keller und schauen, ob das Fass noch da ist.”
Eine Stunde später saß Hörbie am Küchentisch, hatte ganze sechs Käsnudel verputzt und lies das Gehörte auf sich wirken. Das Fass war natürlich verschwunden – logisch. Was hätte der Jäger auch sonst gewollt haben können. Er hatte Hörbies Mutter gefesselt und den Vater einfach auf der Couch schlafend liegen gelassen, als er gemerkt hatte, dass selbst fünf Wildschweine, die auf der Suche nach Trüffeln direkt neben ihm seinen Parkettboden bearbeiteten, ihn nicht geweckt hatten. Dann hatte er offensichtlich nach dem Fass gesucht und es auch gefunden.
Hörbie konnte es nicht glauben, seine Mutter war in Wien gewesen. So richtig in Wien – für einige Jahre. Sie hatte sich damals mit ihrer besten Freundin Gisela entschlossen, Eppbichl zu verlassen und in Wien zu arbeiten. Sie hatte dort sogar eine vielversprechende Karriere angefangen.  Die beiden jungen Frauen, Susi Hirneder (Hörbies Mutter) und Gisela Meindl (die Freundin von Hörbies Mutter), hatten zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht gewusst, dass Eppbichl das magische Epizentrum des Landlebens war und das ihre Entscheidung weitreichende Folgen haben würde. Vor ihnen war die Welt in Ordnung gewesen. Eppbichl war Eppbichl und der Rest der Welt war der Rest der Welt. Jeder kannte seinen Platz. Alles war gut.

Doch dann war der schicksalhafte Tag gekommen, der alles verändern würde, der Tag, der das magische Gleichgewicht in Eppbichl, und damit der ganzen Welt aus dem Takt gebracht hatte: das erste GTI Treffen in Reifnitz, 1982. Susi und Gisela hatten nach fünf Jahren in Wien einen Anruf von einem Eppbichler Bekannten erhalten, ob sie nicht bei einem Fest am Wörthersee, das irgendwas mit Autos zu tun hatte, beim Kellnern helfen könnten, da ein massiver Besucheransturm von unvorstellbaren Einhundert Menschen erwartet wurde. Dabei war es dann passiert:  Gisela hatte sich in einen Mann verliebt, den sie beim Kellnern dort bedient hatte.  Er war ein lustiger Geselle, auch wenn man zuerst an einer rauen Schale vorbeischauen musste.
Die beiden verbrachten einen verliebten Sommer, während Hörbis Mutter Susi wieder zurück nach Wien fuhr. Sie hatte dort schließlich eine vielversprechende Karriere zu verfolgen. Nach zwei Monaten war es auch für Gisela so weit: Sie entschied sich doch gegen ihren Geliebten und zog mit gebrochenen Herzen wieder in die WG mit Hörbies Mutter. Der Mann, in den Gisela verliebt gewesen war, hatte nicht mit ihr nach Wien kommen wollen. Er sagte, er gehöre einfach nicht in die Stadt. Gisela hatte sich gegen einen Mann entschieden und für sich selbst. Was sie nicht gewusst hatte: Sie hatte damit ein Loch ins Epizentrum des Landlebens gerissen, denn der zurückgelassene Mann hatte den Verlust von Gisela nie verkraftet: Der trauernde Mann klebte auf seinen langen Mantel einen ersten Sticker. Der Jäger war geboren.
Wäre dies nun in Mittertrixen oder auch in Tschutta passiert, ja sogar in Villach, es wäre egal gewesen... Denn schließlich waren diese Orte nicht die magischen Zentren in denen die Energie zwischen Stadt und Land, Angst und Sicherheit, Liebe und Hass und all den vielen Gegensätzen ausgeglichen wurden. Nein, der Ort, wo das passierte, war Eppbichl.

Hörbie brauchte noch mehr Infos. “Woher weißt du das alles?” begann er zu fragen. Doch seine Geliebte, Resi, fiel ihm ins Wort: “Warum bist du nach Eppbichl zurückgekehrt, Susi, äh, Gisela.. Äh, Herberts Mutter?”
Gisela drehte sich aufmerksam nach Herberts Vater um, doch er schlief tief und fest. Sie war sicher, dass er das Folgende nicht hören würde.
“Ich habe damals eine Nachricht erhalten, von unserem Pfarrer. Der Jäger sei bei ihm gewesen und hätte das Land verflucht, weil ihm seine Geliebte davongelaufen sei. Daraufhin strich der Pfarrer ihren Namen aus seinem Notizbuch. Ein großer Fehler, wie sich herausstellte. Der Himmel verdunkelte sich, das Gewitter des Jahrhunderts brach los, Blitze schlugen direkt neben der Kirche in den Boden. Die Dampfl für die Reindlinge gingen nicht mehr auf, jeder angesetzte Glundner wurde sauer und alle Kasnudel wurden auf einmal schlecht. Da war es dem Pfarrer bewusst geworden: Gisela war das Licht und das Gute und all das Schöne im Landleben gewesen, und das hatte er soeben aus seinem Notizbuch gestrichen.”
Resi und Hörbie saßen auf den Kanten ihrer Sessel und kauten an den Fingernägeln, als sie gebannt lauschten, worauf Susi/ Gisela/ Hörbies Mutter hinauswollte.
“Der Pfarrer hatte alles versucht. Er hatte versucht, den Namen neu hineinzuschreiben, seinen Strich auszuradieren, aber es hatte alles nichts genützt. Er bat mich, Gisela zu überreden, zurückzukommen und den Jäger zu heiraten.”
Hörbie konnte die Spannung kaum ertragen. Zum Glück hielt Resi eine seiner Hände; die, wo er nicht gerade an den Fingernägeln kaute.
“Sie sagte nein. Sie wollte nicht ihr eigenes Leben hergeben, um in Eppbichl zu versauern. Also war die einzige Möglichkeit, die wir noch sahen, dass ich ihren Namen annehmen würde, zurück nach Hause gehen würde und dort den erstbesten Mann heiraten, der frei war, um damit das Gleichgewicht aufs Erste wiederherzustellen. Deinen Vater, Herbert. Seitdem heißen wir Maurer und von der echten Gisela hab ich nie wieder etwas gehört.”
Mit einem Mal sah die Mutter von Hörbie sehr traurig aus.
“Deshalb kann ich dich nicht loslassen, Herbert. Du bist alles, was in meinem Leben jemals wichtig ist und wichtig war. Für dich habe ich alles aufgegeben, meine Karriere, mein Leben in Wien. Doch jetzt erkenne ich, dass ich auch meinen Teil beitragen muss, damit das Gleichgewicht wiederhergestellt wird. Ich muss dich loslassen. Ich bin nicht die echte Gisela Meindl. Aber du bist das echte neue Licht des Landlebens. Du bist dazu bestimmt. Geh jetzt und such den Jäger.”

Resi und Hörbie stürzten aus der Haustür. Die Geschichten seiner Mutter vermischten sich mit all dem, was er bereits wusste. Der Jäger musste eifersüchtig auf seinen Vater gewesen sein. Schließlich muss es für ihn so ausgesehen haben, als hätte er das geschafft, was er selbst nicht fertiggebracht hatte: Eine Frau, die die Früchte der Stadt gekostet hatte, zurückholen aufs Land.  Vor 13 Jahren musste dann Hörbies Vater dem Jäger begegnet sein und wer weiß, was in dieser Nacht geschehen war … Das war genau ein Jahr vor dem mysteriösen GTI-Treffen 2008 gewesen. Hatte sein Vater damals versucht, mehr herauszufinden?
Draußen hatte es in der Zwischenzeit begonnen, zu stürmen. Als würde das Wetter fühlen, dass es bald soweit sein würde. Hörbie erschrak. Alles war mit Stickern bedeckt. ALLES. Auch der Regen konnte sie nicht fortwaschen, er machte die Sticker nur noch grauer und matschig. Sie sahen auf den Wiesen aus wie Pflastersteine … Sie sahen aus wie … der gepflasterte Boden einer Großstadt!
Er beschloss, zur Statue der Berghelden zu laufen, um dort nach weiteren Hinweisen zu suchen, wo er den Jäger finden würde und was dieser dort, bei den Berghelden, zu tun hatte.
Doch Hörbie musste gar nicht suchen. Der Jäger hockte gegenüber, dort bei der Statue. Der Regen prasselte auf ihn herab, von seinem Hut tropfte das kalte Wasser auf ein Stück Papier, das er in den Händen hielt. War es ein Brief? Ein Brief von Gisela? (also: der echten, ursprünglichen Gisela?). Neben dem Jäger lag ein Fass, dessen Deckel abgesprengt worden war. Scheinbar war darin der wertvolle Brief gewesen.

Als der Jäger Hörbie bemerkte, schimpfte er los: “Ich habe nie verstanden, was sie an der Stadt gefunden hat. Sie ist so hässlich und grau! Es gibt keine Wiesen und kein Grün, nur Pflaster und Beton! Ich musste doch das Land zur Stadt machen! Sonst würde sie nie wieder zu mir kommen! Versteht ihr nicht! DIE GANZE WELT MUSS ZUR GLOBALEN STADT EPPBICHL WERDEN! Damit Gisela nichts mehr verpassen kann, weil es nichts außer Eppbichl gibt!!”
Dem Jäger brach die Stimme. Hörbie konnte nicht sagen, ob die Tropfen auf seinem Gesicht der Regen oder Tränen waren. Alles, was er nach außen war – ein harter, wilder Mann der sich mit Muskelkraft und einem Gewehr seinen Weg durch die Welt bahnte – war im Inneren das wahre Gegenteil: Die Angst davor, in dieser großen, weiten Welt etwas zu verlieren. Die große Liebe zum Beispiel. Genau wie Schnurl gesagt hatte. Der Jäger war die Angst vor dem Neuen und Hörbie war das Licht des Landlebens.
Hörbie sah den Jäger an und erinnerte sich an all die Geistesblitze, die er in den letzten Tagen gehabt hatte. Ohne Stadt kein Land, ohne Land keine Stadt. Alles hängt zusammen. Alle Menschen unter einem Himmel. Und nur echte Liebe kann Geborgenheit schaffen. Er fügte sie zu einem Bild zusammen und wusste genau, was diesem Wahnsinn ein Ende bereiten würde. Und dazu brauchte er genau zwei Dinge: Den Flachmann aus dem Metallkoffer und Resi.

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